Die Stadt Lucca, 155
richtet er eben sein Gebet, ein schauriges Gebet, warin er seine Leidenbejammert, und Välkcr anklagt, die längst von der Erde verschwundensind und nur noch in Ammenmärchen leben — er aber, in seinemSchmerze, bemerkt kann«, daß er ans den Gräbern derjenigen Feindesitzt, deren Untergang er vom Himmel erfleht.
Knpitcl XIV.
Ich sprach im vorigen Kapitel von den positiven Religionennur, insofern sie als Kirchen, unter dem Namen Staatsreligionen,noch besonders vom Staate privilegiert werden. Es gicbt aber einefromme Dialektik, lieber Leser, die dir aufs bündigste beweisen wird,daß ein Gegner des Kirchtums einer solchen Staatsreligion auch einFeind der Religion und des Staats sei, ein Feind Gottes und desKönigs oder, wie die gewöhnliche Formel lautet, ein Feind desThrons und des Altars. Ich aber sage dir, das ist eine Lüge, ichehre die innere Heiligkeit jeder Religion nnd unterwerfe mich denInteressen des Staates. Wenn ich auch dem Anthropomvrphismusnicht sonderlich huldige, so glaube ich doch an die Herrlichkeit GotteS,nnd wenn auch die Könige so thöricht sind, dem Geiste des Volks zuwiderstreben, oder gar so unedel sind, die Organe desselben durchZurücksetzungen nnd Verfolgungen zu kränken: so bleibe ich dochmeiner tiefsten Überzeugung nach ein Anhänger des Königtums, desmonarchischen Prinzips. Ich hasse nicht den Thron, sondern nurdas windige Adclgezicfcr, das sich in die Ritzen der alten Throneeingenistet, nnd dessen Charakter uns Montesquieu so genau schildertmit den Worten: „Ehrgeiz im Bunde mit dem Müßiggange, die Ge-meinheit im Bunde mit dem Hochmnte, die Begierde, sich zu bereichernohne Arbeit, die Abneigung gegen die Wahrheit, die Schmeichelei,der Verrat, die Treulosigkeit, der Wortbruch, die Verachtung derBürgerpflichten, die Furcht vor Fürstentngend nnd das Interesse anFürstenlaster!" Ich hasse nicht den Altar, sondern ich hasse dieSchlangen, die unter dem Gerülle der alten Altäre lauern; die arg-klugen Schlangen, die unschuldig wie Blumen zu lächeln wissen,während sie heimlich ihr Gift spritzen in den Kelch des Lebens, undVerleumdung zischen in das Ohr des frommen Beters, die gleißendenWürmer mit weichen Worten —
Nsl in ora, vsrba, laatüs.
lkol in oorcls, kraus in küotüs.
Eben weil ich ein Freund des Staats und der Religion bin,hasse ich jene Mißgeburt, die man Staatsreligion nennt, jenes Spott-geschöpf, das aus der Buhlschaft der weltlichen und der geistlichenMacht entstanden, jenes Maultier, das der Schimmel des Antichristsmit der Eselin Christi gezeugt hat. Gäbe es keine solche Staats-