154 Reisebilder Il>
wir pufften nnS, wir kratzten uns blutig, wir bespuckten uns polemisch,bis der kleine O'Donnell ans der Schule kam und uns auseinanderriß. Dieser Knabe hatte dort besseren Unterricht in der Himmels-kunde genossen, verstand sich auf Mathematik, und belehrte uns ruhigüber unsere beiderseitigen Irrtümer und die Thorheit unseres Streits.Und was geschah? Wir beiden Mädchen unterdrückten vorderhandunseren Meinungsstreit, und vereinigten uns gleich, um den kleinenruhigen Mathcmatikus durchzuprügeln.
Mylady, ich bin verdrießlich, denn Sic haben recht. Aber esi st nicht zu ändern, die Menschen werden immer streiten über dieVorzüglichkeit derjenigen Religionsbegriffe, die man ihnen früh bei-gebracht, und der Vernünftige wird immer doppelt zu leiden haben.Einst war es freilich anders, da ließ sich keiner einfallen, die Lehreund die Feier seiner Religion besonders anzupreisen, oder gar siejemandem aufzudringen. Die Religion war eine liebe Tradition,heilige Geschichten, Erinncrnngsfeier und Mysterien, überliefert vonden Vorfahren, gleichsam Familiensakra des Volks, und einemGriechen wäre es ein Greuel gewesen, wenn ein Fremder, der nichtvon seinem Gcschlechte, eine Religionsgenossenschaft mit ihm verlangthätte; noch mehr würde er es für eine Unmenschlichkeit gehaltenhaben, irgend jemand durch Zwang oder List dahin zu bringen, seineangeborene Religion aufzugeben und eine fremde dafür anzunehmen.Da kam aber ein Volk ans Ägypten, dem Vaterland der Krokodileund des Priestertums, und außer den Hautkrankheiten und den ge-stohlenen Gold- und Silbergeschirren brachte es auch eine sogenanntepositive Religion mit, eine sogenannte Kirche, ein Gerüste von Dog-men, an die man glauben, und heiligen Ceremonien, die man feiernmußte, ein Vorbild der späteren Staatsreligionen. Nun entstanddie „Menschenmäkelei", das Prosclytenmachen, der Glanbcnszwang,und all jene heiligen Greuel, die dem Menschengeschlcchte so vielBlut und Thränen gekostet.
bloclclain! dieses Urübelvvlk!
O, Mathilde, es ist langst verdammt, und schleppt seine Ver-dnmmnisqualen durch die Jahrtausende. O, dieses Ägypten! seineFabrikate trotzen der Zeit, seine Pyramiden stehen noch immer un-erschütterlich, seine Mumien sind noch so unzerstörbar wie sonst, undebenso unverwüstlich ist jene Volksmumie, die über die Erde wandelt,eingewickelt in ihren uralten Buchstabenwindeln, ein verhärtet StückWeltgeschichte, ein Gespenst, das zu seinem Unterhalte mit Wechselnund alten Hosen handelt — Sehen Sie, Mylady, dort jenen altenMann mit dem weißen Barte, dessen Spitze sich wieder zu schwärzenscheint, und mit den geisterhaften Augen —
Sind dort nicht die Ruinen der alten Nömergräber?
Ja, eben da sitzt der alle Mann, und vielleicht, Mathilde, ver-