146 Neisebilder II.
wird. Und es war gut, daß wir den Dam verließen, denn MyladhsTollheiten würden uns doch zuletzt in Verlegenheiten gestürzt haben.Sie sprudelte van witziger Laune; lauter lieblich närrische Gedanken,so übermütig wie junge Kätzchen, die in der Maisonne hernmspringen.Am Ausgang des Doms tunkte sie den Zeigefinger dreimal insWeihwasser, besprengte sich jedesmal und murmelte' Dem ZcfardeyimKinnim, welches nach ihrer Behauptung die arabische Formel ist,womit die Zauberinnen einen Menschen in einen Esel verwandeln.
Ans der Piazza vor dem Dome manövrierte eine Menge Militär,beinah ganz österreichisch uniformiert und nach deutschem Kommando.Wenigstens hörte ich die deutschen Worte: Präsentiert's Gewehr!Fuß Gewehr! Schultert's Gewehr! Rechtsum! Halt! Ich glaube,bei allen Italienern, wie noch bei einigen andern europäischenVölkern, wird auf deutsch kommandiert. Sollen wir Deutschen unsetwas darauf zu gute thun? Haben wir in der Welt so viel zu be-fehlen, daß das Deutsche sogar die Sprache des BefehlenS geworden?Oder wird uns so viel befohlen, daß der Gehorsam am besten diedeutsche Sprache versteht?
Mylady scheint von Paraden und Revuen keine Freundin zusei n. Sie zog unS mit ironischer Furchtsamkeit von danncn. Ichliebe nicht, sprach sie, die Nähe von solchen Menschen mit Säbelnund Flinten, besonders wenn sie in großer Anzahl, wie bei außer-ordentlichen Manövern, in Reih und Glied aufmarschieren. Wennnun einer von diesen Tausenden plötzlich verrückt wird, und mit derWaffe, die er schon in der Hand hat, mich ans der Stelle nieder-sticht? Oder wenn er gar plötzlich vernünftig wird und nachdenkt:„Was hast dn zu riskieren? zu verlieren? selbst wenn sie dir dasLeben nehmen? Mag auch jene andere Welt, die uns nach dem Todeversprochen wird, nicht so ganz brillant sein, wie man sie rühmt,mag sie noch so schlecht sein, weniger als man dir jetzt giebt, wenigerals sechs Kreuzer per Tag, kann man dir auch dort nicht geben —drum mach' dir den Spaß und erstich jene kleine Engländerin mitder impertinenten Nase!" Bin ich da nicht in der größten Lebens-gefahr? Wenn ich König wäre, so würde ich meine Soldaten inzwei Klassen teilen. Die einen ließe ich an Unsterblichkeit glauben,um in der Schlacht Mut zu haben und den Tod nicht fürchten, undich würde sie bloß im Kriege gebrauchen. Die andern aber würdeich zu Paraden und Revuen bestimmen, und damit es ihnen nie inden Sinn komme, daß sie nichts riskieren, wenn sie des Spaßes wegenjemanden umbrächten, so würde ich ihnen bei Todesstrafe verbieten,an Unsterblichkeit zu glauben, ja ich würde ihnen sogar noch etwasButter zu ihrem Kommißbrot geben, damit sie das Leben recht liebgewinnen. Ersteren hingegen, jenen unsterblichen Helden, würde ichdas Leben sehr sauer machen, damit sie es recht verachten lernen