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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
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Die Stadt Lucca. 145

weise unsere Nebemnenschen beglücken können, Zu welchen Genüssenaber kann der Ungläubige jemanden einladen?

Zu nichts, Doktor, als zu einem langen ruhigen Schlafe, deraber zuweilen für einen Unglücklichen sehr wünschenswert sein kann,besonders wenn er vorher mit zudringlichen Himmelseinladungcngar zu sehr geplagt worden.

Dieses sprach das schöne Weib mit stechend bitteren Accentcn,und nicht ganz ohne Ernst antwortete ich ihr: Liebe Mathilde, beimeinen Handlungen auf dieser Welt kümmert mich nicht einmal dieExistenz von Himmel und Hölle, ich bin zu groß und zu stolz, alsdaß der Geiz nach himmlischen Belohnungen, oder die Furcht vorhöllischeit Strafen mich leiten sollten. Ich strebe nach dem Guten,weil es schön ist und mich unwiderstehlich anzieht, und ich verabscheuedas Schlechte, weil es häßlich und mir gar zuwider ist. Schon alsKnabe, wenn ich den Plutarch las — und ich lese ihn noch jetzt alleAbende im Bette und möchte dabei manchmal aufspringen und gleichExtrapost nehmen und ein großer Mann werden — schon damalsgefiel mir die Erzählung von dem Weibe, das durch die StraßenAlexandriens schritt, in der einen Hand einen Wasserschlauch, in derandern eine brennende Fackel tragend, und den Menschen zurief, daßsie mit dem Wasser die Hölle auslöschen und mit der Fackel denHimmel in Brand stecken wolle, damit das Schlechte nicht mehr ansFurcht vor Strafe unterlassen und das Gute nicht mehr aus Be-gierde nach Belohnung ausgeübt werde. Alle unsere Handlungensollen aus dem Quell einer uneigennützigen Liebe hervorsprudeln,gleichviel ob es eine Fortdauer nach dem Tode giebt oder nicht,Sie glauben also auch nicht an Unsterblichkeit?

O Sie sind schlau, Mylady! Ich daran zweifeln? Ich, dessenHerz in die entferntesten Jahrtausende der Vergangenheit und der Zu-kunft immer lieser und tiefer Wurzel schlägt, ich, der ich selbst einerder ewigsten Menschen bin, jeder Atemzug ein ewiges Leben, jederGedanke ein ewiger Stern — ich sollte nicht an Unsterblichkeit glauben?

Ich denke, Doktor, es gehört eine beträchtliche Portion Eitelkeitund Anmaßung dazu, nachdem wir schon so viel Gutes und.Schönesauf dieser Erde genossen, noch obendrein vom lieben Gott die Un-sterblichkeit zu verlangen! Der Mensch, der Aristokrat unter denTieren, der sich besser dünkt, als alle seine Mitgeschöpfe, möchte sichauch dieses Ewigkeitsvvrrecht am Throne des Weltkönigs durch höfischeLob- und Prcisgesänge und knieendes Bitten auswirken, — O, ichweiß, was dieses Zucken mit den Lippen bedeutet, unsterblicher Herr!

Kapitel x.

Signora bat unS, mit ihr nach dem Kloster zu gehen, worin daSwnnderthätige Kreuz, das Merkwürdigste in ganz Toskana, bewahrtHeine's Werte, VI, Bd. 10