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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
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Die Stadt Lucca. 141

und fährt gleichfalls zum Teufel. Welch ein schreckliches Dilemma!Deshalb senkt er so traurig das Haupt. Und sie haben das Hauptnoch dazu mit einer Glorie geziert, die nicht übel einer Strahlen-krvue von Hörnern gleicht. Wie das Geschick des armen Eseltreibersmir zu Herzen geht! Niemals bis auf den heutigen Tag habe ichmich in einer Kirche so tief ergriffen gefühlt.

Indessen, die alten Freskos, die zwischen den roten Decken derWände zum Vorschein kamen, vermochten einigermaßen mit ihreminwohneuden Ernste die britische Spottlust abzuwehren. Es warendarauf Gesichter aus jener heldenmütigen Zeit Luccas, wovon in denGeschichtsbüchern Macchiavells, des romantischen Sallusts, so viel dieRede ist, und deren Geist uns ans den Gesängen Dantes, des ka-tholischen HomerS, so feurig entgegenwcht. Wohl sprechen aus jenenMienen die strengen Gefühle und barbarischen Gedanken des Mittel-alters; wenn auch auf manchem stummen Jünglingsmunde daslächelnde Bekenntnis schwebt, daß damals nicht alle Rosen so ganzsteinern und umflort gewesen sind, und wenn auch durch die fromm-gesenkten Augenwimpern mancher Madonna aus jener Zeit ein soschalkhafter Liebeswink blinzelt, als ob sie uns gern noch ein zweitesChristkindlein schenken möchte. Jedenfalls ist es aber ein hoher Geist,der uns aus jenen altflorentinischen Gemälden anspricht, es ist daseigentlich Heroische, das wir auch in den marmornen Götterbildernder Alten erkennen, und das nicht, wie unsere Ästhetiker meinen, ineiner ewigen Ruhe ohne Leidenschaft, sondern in einer ewigen Leiden-schaft ohne Unruhe besteht. Auch durch einige spätere Ölbilder, diein dem Dome von Lucca hängen, zieht sich, vielleicht als traditionellerNachhall, jener altflvrentinischc Sinn. Besonders siel mir auf eineHochzeit zu Kana von einem Schüler des Andrea del Sarto, etwashart gemalt und schroff gestaltet. Der Heiland sitzt zwischen derweichen schönen Braut und einem Pharisäer, dessen steinernes Gesetz-tafelgesicht sich wundert über den genialen Propheten, der sich heitermischt in die Reihen der Heiteren, und die Gesellschaft mit Wundernreguliert, die noch größer sind als die Wunder des Moses; denndieser konnte, und wenn er auch noch so stark gegen den Felsenschlug, nur Wasser hervorbringen, jener aber brauchte nur ein Wortzu sprechen, und die Krüge füllten sich alle mit dem besten Wein.Biel weicher, fast venctiauisch koloriert, ist das Gemälde von eineinUnbekannten, das daneben hängt, und worin der freundliche Farben-schmclz von einem durchbebeudcn Schmerze gar seltsam gedämpftwird. Es stellt dar, wie Maria ein Pfund Salbe nahm von nnge-fälschter köstlicher Narde, und damit die Füße Jesu salbte, und sie mitihren Haaren trocknete. Christus sitzt da im Kreise seiner Jünger,ein schöner, geistreicher Gott, menschlich wehmütig fühlt er eineschaurige Pietät gegen seinen eigenen Leib, der bald so viel dulden