Die Stadt Lucca,
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War sie victlcicht nötig für die erkrankte und zertretene Mensch-heit? Wer seinen Gott leiden sieht, trägt leichter die eigenen Schmerzen.Die Varizen heiteren Götter, die selbst keine Schmerzen fühlten,wußten auch nicht, wie armen gequälten Menschen zu Mute ist, undein armer gequälter Mensch kannte auch in seiner Not kein rechtesHerz zu ihnen fassen. Es waren Festtagsgötter, um die man lustigherumtanzte, und denen man nur danken konnte. Sie wurden des-halb auch nie so ganz von ganzem Herzen geliebt. Ilm so ganz vonganzem Herzen geliebt zu werden — muß man leidend sein. DasMitleid ist die letzte Weihe der Liebe, vielleicht die Liebe selbst. Vonallen Gattern, die jemals geliebt haben, ist daher Christus derjenigeGott, der am meisten geliebt worden, besonders van den Frauen
Dem Menschengewühl entfliehend, habe ich mich in eine einsameKirche verloren, und was du, lieber Leser, eben gelesen hast, sindnicht so sehr meine eigenen Gedanken, als vielmehr einige unwill-kürliche Warte, die in mir laut geworden, während ich, dahingestrecktauf einer der alten Betbänke, die Töne einer Orgel durch meineBrust ziehen ließ. Da liege ich, mit phantasierender Seele, der selt-samen Musik noch seltsamere Texte unterdichtcnd; dann und wannschweifen meine Blicke durch die dämmernden Bogengänge und suchendie dunkeln Klnngfignren, die zu jenen Orgclmelodicn gehören. Werist die Verschleierte, die dort kniet vor dem Bilde einer Madonna?Die Ampel, die davor hängt, beleuchtet grauenhaft süß die schöneSchmerzensmutter einer gekreuzigten Liebe, die Venns dolorosa; dochkupplerisch geheimnisvolle Lichter fallen zuweilen wie verstohlen aufdie schönen Formen der verschleierten Beterin. Diese liegt zwarregungslos auf den steinernen Altarstufen, doch in der wechselndenBeleuchtung bewegt sich ihr Schatten, läuft manchmal zu mir heran,zieht sich wieder hastig zurück, wie ein stummer Mohr, der ängstlicheLicbesbotc in einem Harem — und ich verstehe ihn. Er verkündetmir die Gegenwart seiner Herrin, der Sultanin meines Herzens.
Es wird aber allmählich immer dunkler im leeren Hause, hieru nd da huscht eine unbestimmte Gestalt den Pfeilern entlang, dannund wann steigt leiseS Murmeln aus einer Seitcnknpelle, und ihrelangen, langgezogenen Töne stöhnt die Orgel, wie ein seufzendesRiejenherz —
Es war aber, als ob jene Orgeltöne niemals aufhörten, als objene Sterbelantc, jener lebende Tod ewig dauern wollte, ich fühlte sounsägliche Beklommenheit, so namenlose Angst, als wäre ich scheintotbegraben worden, ja als wäre ich, ein Längstverstorbener, aus demGrabe gestiegen, und sei mit unheimlichen Nachtgcsellen in die Gc-spcnsterkirchc gegangen, um die Totengebete zu hören und Lcichen-siinden zu beichten. Manchmal war nur, als sähe ich sie wirklichneben mir sitzen in geisterhaftem Dämmerlichte, die abgeschiedene