138 Reisebilder II.
Gemeinde, in verschollen altflorentinischen Trachten, mit langenblassen Gesichtern, goldbeschlagene Gebetbücher in dünnen Händen,heimlich wispernd, und melancholisch einander zunickend. Der wim-mernde Ton eines fernen Sterbeglöckchens mahnte mich wieder anden kranken Priester, den ich bei der Prozession gesehen, und ichsprach zu mir selber: Der ist jetzt auch gestorben, und kommt hier-her, um die erste Nachtmcsse zu lesen, und da beginnt erst recht dertraurige Spuk. Plötzlich aber erhob sich von den Stufen des Altarsdie holde Gestalt der verschleierten Beterin —
Ja, sie war es, schon ihr lebendiger Schatten verscheuchte dieweißen Gespenster, ich sah jetzt nur sie, ich folgte ihr rasch zur Kirchehinaus, und als sie vor der Thüre den Schleier zurückschlug, sah ichin Franceskas bethräntes Antlitz. Es glich einer sehnsüchtig weißenRose, angeperlt vom Tau der Nacht und beglänzt vom Strahl desMondes. Franceska, liebst du mich? Ich srug viel, und sie ant-wortete wenig. Ich begleitete sie nach dem Hotel Croce di Malta,wo sie und Mathilde logierten. Die Straßen waren leer geworden,die Häuser schliefen mit geschlossenen Fensteraugen, nur hier und dadurch die hölzernen Wimpern blinzelte ein Lichtchen. Oben amHimmel aber trat ein breiter hellgrüner Raum aus den Wolken her-vor, und darin schwamm der Halbmond, wie eine silberne Gondelin einein Meer von Smaragden. Vergebens bat ich Franceska, nurein einziges Mal hinauf zu sehen zu unserem alten, lieben Vertran-ken, sie hielt aber das Köpfchen träumend gesenkt. Ihr Gang, dersonst so heiter dahinschwebend, war jetzt wie kirchlich gemessen, ihrSchritt war düster katholisch, sie bewegte sich nach dem Takte einerfeierlichen Orgel, und wie in früheren Nächten die Sünde, so warihr jetzt die Religion in die Beine gefahren. Unterwegs vor jedemHeiligenbilds bekreuzte sie sich Haupt und Busen; vergebens versuchteich ihr dabei zu helfen. Als wir aber auf dem Markte der KircheSankt Michele vorbeikamen, Ivo die marmorne Schmerzensmuttermit den vergoldeten Schwertern im Herzen und mit der Lämpchen-kroue ans dem Haupte aus der dunkeln Nische hervorleuchtete, daschlang Franceska ihren Arm um meinen Hals, küßte mich undflüsterte: Lsaoo, Lsoeo, aarc>, Lsveo!
Ich nahm diese Küsse ruhig in Empfang, obgleich ich wohl wußte,daß sie im Grunde einem bologuesischen Abbecke, einein Diener derrömisch-katholischen Kirche zugedacht waren. Als Protestant machteich mir kein Gewissen daraus, mir die Güter der katholischen Geist-lichkeit zuzueignen, und ans der Stelle säkularisierte ich die frommenKüsse Franceskas. Ich weiß, die Pfaffen werden hierüber wütendsein, sie schreien gewiß über Kirchenranb, und würden gern dasfranzösische Sakrilegiengesetz auf mich anwenden. Leider muß ich ge-stehen, daß besagte Küsse das einzige waren, was ich in jener Nacht