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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
Seite
136
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136 Reiscbilber II.

einige Stündchen, dann sind wir zu Hause, und ich lösche die Kerzeaus, und ich lege dich aufs Bett, und die kalten, müden Beinekönnen ausruhen, und du sollst so fest schlafen, daß du das wimmerndeSankt Michaelisglöckchen nicht hören wirst.

„Gegen den Mann will ich auch nicht schreiben," dacht' ich, alsich den armen, bleichen Priester sah, dem der leibhastige Tod zuBette leuchtete.

Ach! man sollte eigentlich gegen niemanden in dieser Weltschreiben. Jeder ist selbst krank genug in diesem großen Lazarett,und manche polemische Lektüre erinnert mich unwillkürlich an einwiderwärtiges Gezänk in einem kleineren Lazarett zu Krakau, wobeiich mich als zufälliger Zuschauer befand, und wo entsetzlich anzuhörenwar, wie die Kranken sich einander ihre Gebrechen spottend vorrech-neten, wie ausgedörrte Schwindsüchtige den aufgeschwollenen Wasjer-süchtling verhöhnten, wie der eine lachte über den Nasenkrebs desandern, und dieser wieder über Maulsperre und Angenvcrdrchungseiner Nachbarn, bis am Ende die Fiebertollen nackt aus den Bettensprangen, und den andern Kranken die Decken und Laken von denwunden Leibern rissen, und nichts als scheußliches Elend und Ver-stümmelung zu sehen war.

Kapitel vi.

Jener schenkte nunmehr auch der übrigen GöttcrversammlungRcchtshin lieblichen Nektar, dein Mischkrug emsig cntschöpfend.

Doch unermeßliches Lachen erscholl den seligen Göttern,

Als sie sahn, wie Hephästvs im Saal so gewandt umherging.

Also den ganzen Tag bis spät zur sinkenden SonneSchmausten sie; und nicht mangelt' ihr Herz des gemeinsamen MahleS,Nicht des Saitcngetöns von der lieblichen Leier Apollons,

Noch des Gesangs der Musen mit holdantwortendcr Stimme.

(Vulgata.)

Da plötzlich keuchte heran ein bleicher, bluttriefender Jude, miteiner Dornenkrone auf dem Haupte und mit einem großen Holzkrenzans der Schulter; und er warf das Kreuz auf den hohen Göttertisch,daß die goldenen Pokale zitterten, und die Götter verstummten underblichen und immer bleicher wurden, bis sie endlich ganz in Nebelzerrannen.

Nun gab's eine traurige Zeit, und die Welt wurde grau unddunkel. Es gab keine glücklichen Götter mehr, der Olhmp wurde einLazarett, wo geschundene, gebratene und gespießte Götter langweilignmhcrschlichcn, und ihre Wunden verbanden und triste Lieder sangen.Die Religion gewährte keine Freude mehr, sondern Trost; es wareine trübselige, blutrünstige Delinquentcnreligion.