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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
Seite
135
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Die Stadt Lucca. 135

Mann, der in vornehmer Demnt nntcr dem Thronhimmel ging undsich die Gewandzipfel von greisen Pagen nachtragen lieh — dieserhatte alt jeder Seite einen Lakaien, die beide in blauen Livreen mitgelben Tressen prangten und ceremoniös, als servierten sie bei Hof,die weißen Wachskerzen trugen.

Ans jeden Fall schien mir solche Kerzentrngerei eine gute Ein-richtung, denn ich konnte dadurch um so Heller die Gesichter besehen,die zum Katholizismus gehören. Und ich habe sie jetzt gesehen, undzwar in der besten Beleuchtung. Und was sah ich denn? Nun ja,der klerikale Stempel fehlte nirgends. Aber dieses abgerechnet, warendie Gesichter untereinander ebenso verschieden wie andere Gesichter.Das eine war blaß, das andere rot, diese Nase erhob sich stolz, jenewar niedergeschlagen, hier ein funkelnd schwarzes, dort ein schimmerndgraues Auge — aber in allen diesen Gesichtern lagen die Spurenderselben Krankheit, einer schrecklichen, unheilbaren Krankheit, diewahrscheinlich Ursache sein wird, daß mein Enkel, wenn er hundertJahr später die Prozession in Lucca zu sehen bekommt, kein einzigesvon jenen Gesichtern wieder findet. Ich fürchte, ich bin selbst an-gesteckt von dieser Krankheit, und eine Folge derselben ist jene Weich-heit, die mich wunderbar beschlcicht, wenn ich so ein sieches Mönchs-gesicht betrachte, und darauf die Symptome jener Leiden sehe, diesich unter der groben Kutte verstecken: — gekränkte Liebe, Podagra,getäuschter Ehrgeiz, Niickendarre, Nene, Hämorrhoiden, die Herzwun-den, die uns vom Undank der Freunde, von der Verleumdung derFeinde und von der eigenen Sünde geschlagen worden, alles diesesund noch viel mehr, was ebenso leicht unter einer groben Kutte wieunter einem feinen Mvdcfrack seinen Platz zu finden weiß. O! eSist keine Übertreibung, wenn der Poet in seinem Schmerze ausruft:Das Leben ist eine Krankheit, die ganze Welt ist ein Lazarett!

„lind der Tod ist unser Arzt —" Ach! ich will nichts Bösesvon ihm reden, und nicht andere in ihrem Vertrauen stören; dennda er der einzige Arzt ist, so mögen sie immerhin glauben, er seiauch der beste, und das einzige Mittel, das er anwendet, seine ewigeErdkur, sei auch das beste. Wenigstens kann man von ihm rühmen,daß er immer gleich bei der Hand ist und trotz seiner großen Praxisnie lange ans sich warten laßt, wenn man ihn verlangt. Manchmalfolgt er seinen Patienten sogar zur Prozession, und trügt ihnen dieKerze. Es war gewiß der Tod selbst, den ich an der Seite einesblassen, bekümmerten Priesters gehen sah; in dünnen zitterndenKnochcnhänden trug er diesem die flimmernde Kerze, nickte dabei gut-mütig besänftigend mit dem ängstlich kahlen Köpfchen, und so schwacher selbst ans den Beinen war, so unterstützte er doch noch zuweilenden armen Priester, der bei jedem Schritte noch bleicher wurde undumsinken wollte. Er schien ihm Mut einzusprechen: Warte nur noch