128 Reisebilder II,
Land sind anch die Leute, und dabei trägt jeder Mann einen soindividuellen Ausdruck im Gesicht, und weiß in Stellung, Faltenwurfdes Mantels, und nötigen Falls in Handhabung des Messers, seinePersönlichkeit geltend zu machen. Dagegen bei uns zu Lande lauterMenschen mit allgemeinen, gleichförmigen Physiognomien; wenn ihrerzwölf beisammen sind, bilden sie ein Dutzend, und wenn einer siedann angreift, rufen sie die Polizei,
Auffallend war mir, im Lnccesischen, wie im größten Teile Tos-kanas, tragen die Frauenzimmer große schwarze Filzhüte mit herab-wallcnd schwarzen Straußfcdern; sogar die Strohflechterinnen tragendergleichen schwere Hauptbedeckung, Die Männer hingegen tragenmeistens einen leichten Strohhut, und junge Burschen erhalten solchenzum Geschenk von einem Mädchen, das ihn selbst verfertigt, ihreLicbesgedankcn und vielleicht auch manchen Seufzer hineingcflvchten.So saß einst Franceska unter den Mädchen und Blumen des Arno-thals, und flocht einen Hut für ihren cmro Oscvo, und küßte jedenStrohhalm, den sie dazu nahm, und trillerte ihr hübsches Ocobis,stslls inortalsz — das lockige Haupt, das den hübschen Hut nachherso hübsch trug, hat jetzt eine Tonsur, und der Hut selbst hängt, altund abgenutzt, im Winkel eines trüben Abbatestübchens zu Bologna,Ich gehöre zu den Leuten, die immer gern einen kürzeren Wegnehmen, als die Landstraße bietet, und denen es alsdann wohl be-gegnet, daß sie sich auf engen Holz- und Felsenpfaden verirren. Dasgeschah auch hier, und ich habe zu meiner Reise nach Lncca gewißdoppelt so viel Zeit gebraucht als gewöhnliche Landstraßmenschen,Ein Sperling, den ich um den Weg frug, zwitscherte und zwitscherte,und konnte mir doch keinen rechten Bescheid geben. Vielleicht auchwußte er ihn selbst nicht. Den Schmetterlingen und Libellen, die aufgroßen Glockenblumen saßen, konnte ich kein Wort abgewinnen; siewaren schon davongeflattert, ehe sie noch meine Fragen vernommen,und die Blumen schüttelten ihre tonlosen Glockenhäuptcr, Manchmalweckten mich die wilden Myrten, die init feinen Stimmchen aus derFerne kicherten. Hastig erklomm ich dann die höchsten Felsenspitzen,und rief: Ihr Wolken des Himmels! Segler der Lüfte! sagt nur,wo geht der Weg nach Franceska? Ist sie in Lucca? Sagt mir,was thut sie? Sagt mir alles, und wenn ihr mir alles gesagt habt,so sagt es mir nochmals!
Bei solcher überfülle von Thorhcit konnte es wohl geschehen,daß ein ernster Adler, den mein Ruf ans seinen einsamen Traumenaufgestört, mich mit geringschätzendem Uninute ansah. Aber ich ver-zieh's ihm gerne; denn er hatte niemals Franceska gesehen, und da-her konnte er noch immer so erhabenmütig auf seinem festen Felsensitzen, und so seelcnfrei zum Himmel empvrstarren, oder so impertinentruhig auf mich herabglvtzen. So ein Adler hat einen unerträglich