Die Stadt Lucca. 129
stolzen. Blick, und sieht einen an, als wollte er sagen: Was bist dufür ein Vogel? Weißt du wohl, daß ich noch immer ein König bin,ebensogut wie in jenen Heldenzeiten, als ich Jupiters Blitze trugund Napoleons Fahnen schmückte? Bist du etwa ein gelehrter Pa-pagei, der die alten Lieder auswendig gelernt hat und pedantischnachplappert? Oder eine vermüffte Turteltaube, die schon fühlt undmiserabel gurrt? Oder eine Almanachsnachtigall? Oder ein abge-standener Gänserich, dessen Vorfahren das Kapital gerettet? Odergar ein serviler Haushahn, dem man aus Ironie das Emblem deskühnen Fliegens, nämlich mein Miniaturbild, um den Hals gehängthat, und der sich deshalb so mächtig spreizt, als wäre er nun selbstein Adler? Du weißt, lieber Leser, wie wenig Ursache ich habe, michbeleidigt zu fühlen, wenn ein Adler dergleichen von mir dachte. Ichglaube, der Blick, den ich ihm zurückwarf, war noch stolzer als derseinige, und wenn er sich bei dem ersten besten Lorbeerbaume er-kundigt hat, so weiß er jetzt, wer ich bin.
Ich war wirklich im Gebirge verirrt, als schon die Dämmerunghereinbrach, und die bunten Waldlieder allmählich verstummten unddie Bäume immer ernsthafter rauschten. Eine erhabene Heimlichkeitund innige Feier zog, wie der Odem Gottes, durch die verklärteStille. Hier und da aus dem Boden blickte ein schönes dunkles Augezu mir herauf, und verschwand im selben Augenblick. ZärtlichesFlüstern tändelte mir ums Herz, und unsichtbare Küsse berührtenlustig meine Wangen. Das Abendrot umhüllte die Berge wie mitPnrpurmänteln, und die letzten Sonnenstrahlen beleuchteten ihreGipfel, daß es aussah, als wären sie Könige mit goldenen Kronenauf den Häuptern. Ich aber stand, wie ein Kaiser der Welt, in derMitte dieser gekrönten Vasallen, die schweigend mir huldigten.
Kapitel i?.
Ich weiß nicht, ob der Mönch, der mir unfern Lncea begegnete,ein frommer Mann ist. Aber ich weiß, sein alter Leib steckt armund nackt in einer groben Kutte, jahraus jahrein; die zerrissenenSandalen können seine bloßen Füße nicht genug schützen, wenn erdurch Dorn und Gestrüppe die Felsen hinaufklimmt, um droben inden Bergdörfern Kranke zu trösten oder Kinder beten zu lehren —und er ist zufrieden, wenn man ihm dafür ein Stückchen Brot in denSack steckt, und ihm ein bißchen Stroh gicbt, um darauf zu schlafen.
„Gegen den Mann will ich nicht schreiben," sprach ich zu mirselbst. „Wenn ich wieder zu Hause in Deutschland ans meinem Lehn-sessel am knisternden Öfchen bei einer behaglichen Tasse Thee wohl-genährt und warm sitze, und gegen die katholischen Pfaffen schreibe— gegen den Mann will ich nicht schreiben." —
Um gegen die katholischen Pfaffen zu schreiben, muß man auchHeine's Werke. VI. Bd. 9