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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
Seite
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Die Stadt Lucca. 127

Denke! rief der Eidechs mit einem scharfen, vornehmen Toneder tiefsten Geringschätzung, denken! wer von euch denkt? Meinweiser Herr, schon an die dreitausend Jahre mache ich Untersuchungenüber die geistigen Funktionen der Tiere, ich habe besonders Menschen,Affen und Schlangen zum Gegenstand meines Studiums gemacht,ich habe so viel Fleiß auf diese seltsamen Geschöpfe verwendet wieLyonnet auf seine Weidenraupen, und als Resultat aller meinerBeobachtungen, Experimente und anatomischen Vergleichungen kannich Ihnen bestimmt versichern: Kein Mensch denkt, es fällt nur dannund wann den Menschen etwas ein, solche ganz unverschuldete Ein-fälle nennen sie Gedanken, und das Aneinanderreihen derselbennennen sie Denken. Aber in meinem Namen können sie es wieder-sagen: Kein Mensch denkt, kein Philosoph denkt, weder Schölling,noch Hegel denkt, und was gar ihre Philosophie betrifft, so ist sieeitel Luft und Wasser, wie die Wolken des Himmels; ich habe schonunzählige solcher Wolken stolz und sicher über mich hinziehen sehen,und die nächste Morgensonne hat sie aufgelöst in ihr ursprünglichesNichts; es giebt nur eine einzige wahre Philosophie, und diesesteht in ewigen Hieroglyphen auf meinem eigenen Schwänze,

Bei diesen Worten, die mit einem dedaignanten Pathos gesprochenwurden, drehte mir der alte Eidechs den Rücken, und indem er lang-sam fortschwänzelte, sah ich darauf die wunderlichsten Charaktere, diesich in bunter Bedeutsamkeit bis über den ganzen Schwanz hinabzogen,

Knpitcl Iii.

Ans dem Wege zwischen den Bädern von Lncca und der Stadtdieses Namens, unweit von dem großen Kastanienbaume, dessen wild-grüne Zweige den Bach überschatten, und in Gegenwart eines alten,weißbärtigen Ziegenbocks, der dort einsiedlerisch weidete, wurde dasGespräch geführt, das ich im vorigen Kapitel mitgeteilt habe. Ichging nach der Stadt Lncea, nni Franceska und Mathilde zu suchen,die ich, unserer Verabredung gemäß, schon vor acht Tagen dorttreffen sollte. Ich war aber zur bestimmten Zeit vergebens hingereist,und ich hatte mich jetzt zum zweiten Male ans den Weg gemacht. Ichging zu Fuße, längs den schönen,Bergen und Baumgrnppen, wo diegoldenen Orangen, wie Sterne des Tages, aus dem dunklen Grünhervorleuchteten, und Guirlandcn von Weinreben in festlichen Win-dungen sich meilenweit hinzogen. Das ganze Land ist dort so garten-haft und geschmückt wie bei uns die ländlichen Scenen, die ans demTheater dargestellt werden; auch die Landleute selbst gleichen jenenbunten Gestalten, die uns dann als singende, lächelnde und tanzendeStaffage ergötzen. Nirgends Philistergesichter. Und giebt es hierauch Philister, so sind es doch italienische Orangenphilister und keineplump deutschen Kartoffelphilister, Pittoresk und idealisch wie das