126 Reisebilder II.
Aber, rief ich, was soll denn aus diesen guten Leuten, aus denarmen alten Göttern werden?
Das wird sich finden, lieber Freund, antwortete jeuer; wahr-scheinlich danken sie ab, oder werden auf irgend eine ehrende Art inden Ruhestand versetzt.
Ich habe von meinem hieroglyphenhäutigen Naturphilosophennoch manches andere Geheimnis erfahren; aber ich gab mein Ehren-wort, nichts zu enthüllen. Ich weiß jetzt mehr als Schölling und Hegel.
Was halten Sie von diesen beiden? frug mich der alte Eidechsmit einem höhnischen Lächeln, als ich mal diese Namen gegen ihnerwähnte.
Wenn man bedenkt, antwortete ich, daß sie bloß Menschen undkeine Eidechsen sind, so muß man über das Wissen dieser Leute sehrerstaunen. Im Grunde lehren sie eine und dieselbe Lehre, die Ihnenwohlbekannte JdentitätSphilosophie, nur in der Darstellungsart unter-scheiden sie sich. Wenn Hegel die Grundsätze seiner Philosophie auf-stellt, so glaubt man jene hübschen Figuren zu sehen, die ein ge-schickter Schulmeister durch eine künstliche Zusammenstellung vonallerlei Zahlen zu bilden weiß, dergestalt, daß ein gewöhnlicher Be-schauer nur das Oberflächliche, nur das Häuschen oder Schiffchenoder absolute Soldätcheu sieht, das aus jenen Zahlen formiert ist,während ein denkender Schulknabe in der Figur selbst vielmehr dieAuflösung eines Rechencxempels erkennen kann. Die DarstellungenSchöllings gleichen mehr jenen indischen Tierbildcrn, die aus allerleiandern Tieren, Schlangen, Vögeln, Elefanten und dergleichen leben-digen Ingredienzen durch abenteuerliche Verschlingungcn zusammen-gesetzt sind. Diese Darstellungsart ist viel anmutiger, heiterer, pul-sierend wärmer, alles darin lebt, statt daß die abstrakt HegelschenChiffern unS so grau, so kalt und so tot anstarren.
Gut, gut, erwiderte der alte Eidechserich, ich merke schon, was Siemeinen; aber sagen Sie mir, haben diese Philosophen viele Zuhörer?
Ich schilderte ihm nun, wie in der gelehrten Karawanserei zuBerlin die Kamele sich sammeln um den Brunnen Hegclscher Weis-heit, davor niederknien, sich die kostbaren Schläuche aufladen lassen,und damit weiter ziehen durch die märkische Sandwüste. Ich schilderteihm ferner, wie die neuen Athener um den Springquell des Schel-lingschen Geistestranks sich drängen, als wär' es das beste Bier,Breihahn des Lebens, Gesöffe der Unsterblichkeit —
Den kleinen Naturphilosophen überfiel der gelbe Neid, als erhörte, daß seine Kollegen sich so großen Zuspruchs erfreuen, undärgerlich frug er: Welchen von beiden halten Sie für den größten?Das kann ich nicht entscheiden, gab ich zur Antwort, ebensowenigwie ich entscheiden könnte, ob die Schechner größer sei als die Sonn-tag, und ich denke —