122 Reisebilder II.
Vater Lajos töten, und die Mutter Jokaste heiraten ließ, hätte eres im Gegenteil so einrichten sollen, daß Ödipus seine Mutter tötetund seinen Vater heiratet. Das dramatische Drastische in einemsolchen Gedichte hatte einem Platen meisterhaft gelingen müssen, seineeigene Gefühlsrichtung wäre ihm dabei zu statten gekommen, er hättemanchmal wie eine Nachtigall nur die Regungen der eigenen Brustzu besingen gebraucht, er hätte ein Stück geliefert, das, wenn derghaselige Jffland noch lebte, gewiß in Berlin gleich einstudiert wordenmäre, und das man auch jetzt auf Privatbühnen geben würde. Ichkann nur nichts Vollendeteres denken, als den Schauspieler Wurmin der Rolle eines solchen Ödipus. Er würde sich selbst übertreffen.Dann finde ich es auch nicht politisch vom Grafen, daß er in seinemLustspiele versichert, er habe „wirklichen Witz". Oder arbeitet ervielleicht auf den liberraschungseffekt, auf den Theatercoup, daß da-durch das Publikum beständig Witz erwarten, und dieser am Endedoch nicht erscheinen soll? Oder will er vielmehr das Publikum auf-muntern, den Wirkt. Geh. Witz im Stücke zu suchen, und das Ganzewäre nur ein Blindekuhspiel, wo der Platensche Witz so schlau ist,sich nie ertappen zu lassen? Deshalb vielleicht ist auch das Publi-kum, das sonst bei Lustspielen zu lachen Pflegt, bei der Lektüre desPlatenschcn Stücks so verdrießlich, es kann den versteckten Witz nichtfinden, vergebens piept der versteckte Witz, und piept immer lauter:Hier bin ich! hier bin ich wirklich! — vergebens, das Publikum istdumm und macht ein ernsthaftes Gesicht. Ich aber, der ich weiß,wo der Witz steckt, habe.herzlich gelacht, als ich von dem „gräflichen,herrschsüchtigen Dichter" las, der sich in einen aristokratischen Nim-bus hüllt, der von sich rühmt, „daß jeder Hauch, der zwischen seineZähne komme, eine Zermalmung sei", und der zu allen deutschenDichtern sagt:
„Ja, gleichwie Nero, wünscht' ich euch nur ein Gehirn,
Durch einen einzigen Witzeshisb zu spalten es —"
Der Vers ist schlecht. Der versteckte Witz aber besteht darin, daß derGraf eigentlich wünscht, wir wären alle lauter Reronen und er imGegenteil unser einziger lieber Freund Pythagoras.
Vielleicht würde ich zum Besten des Grafen noch manchen andernversteckten Witz hervorloben, doch da er mir in seinem König ÖdipuSdas Liebste angegriffen — denn was könnte mir lieber sein als meinChristentum? — so ist es mir nicht zu verdenken, wenn ich, mensch-lich gesinnt, den Ödipus, diese „große That iu Worten" minderernstlich als die früheren Thätigkeiten würdige.
Indessen, das wahre Verdienst hat immer seinen Lohn gefunden,und dem Verfasser des Ödipus wird der seinige nicht entgehen, ob-gleich er sich auch hier, wie immer, nur dem Eiuflnß seiner adeligen