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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
Seite
116
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11g Reisebilder II,

Was ich in München darüber sprechen hörte, will ich übergehen;aber der Chronologie wegen muß ich anführen, daß zu jener Zeitder König von Bayern die Absicht aussprach, irgend einem deutschenDichter ein Jahrgehalt zu erteilen, ohne damit ein Amt zu verbin-den, welches ungewöhnliche Beispiel für die ganze deutsche Litteratnrvon schöner Folge sein konnte. Man sagte mir —

Doch ich will mein Thema nicht verlassen, ich sprach von denPrahlereien des Grafen Plntcn, der beständig rief: Ich bin der Poet,der Poet der Poeten! ich werde Jliadcn und Odysseen dichten u, s, w.Ich Iveiß nicht, was das Publikum von solchen Prahlereien hält, aberganz genau weiß ich, was ein Dichter davon denkt, nämlich ein wahrerDichter, der die verschämte Süßigkeit und die geheimen Schauer derPoesie schon empfunden hat, und von der Seligkeit dieser Empfin-dungen, wie ein glücklicher Page, der die verborgene Gunst einerPrinzessin genießt, gewiß nicht ans öffentlichem Markte prahlen wird.

Man hat schon öfter den Grafen Platen wegen solcher Prahl-hansereien weidlich gehänselt, und er wußte immer, wie Falstnff, sichzu entschuldigen. Bei solchen Entschuldigungen kommt ihm ein Ta-lent zu statten, das außerordentlich in seiner Art ist, und das einebesondere Anerkennung verdient. Der Graf Platen iveiß nämlichvon jedem Flecken, der in seiner eigenen Brust ist, auch bei irgendeinem großen Manne eine Spur, und sei sie noch so klein, zu ent-decken, und sich wegen seiner Wahlfleckenverwandtschaft mit ihm zuvergleichen, Z, B, von Shakespeares Sonetten weiß er, daß sie aneinen jungen Mann und nicht an ein Weib gerichtet sind, und obsolcher verständigen Wahl preist er Shakespeare, vergleicht sich mitihm — und das ist das einzige, lvas er von ihm zu sagen hat.Man könnte negativ eine Apologie des Grafen Platen schreiben, undbehaupten, daß er sich die und die Verirrnng noch nicht zu schuldenkommen lassen, weil er sich mit dem oder dem großen Manne, demsie nachgeredet worden, noch nicht verglichen habe. Am genialstenaber und bewunderungswürdigsten zeigte er sich in der Wahl desMannes, in dessen Leben er unbescheidene Reden entdeckt, und durchdessen Beispiel er seine Prahlerei beschönigen will. Wahrlich, zueinem solchen Zwecke sind die Worte dieses Mannes noch nie eitiertworden — denn es ist kein Geringerer als Jesus Christus selbst, deruns bisher immer für ein Muster der Demut und Bescheidenheitgegolten, Christus hätte jemals geprahlt? der bescheidenste derMensche», um so bescheidener als er der göttlichste war? Ja, wasbisher allen Theologen entgangen ist, das entdeckte der Graf Platen,denn er insinniert uns, Christus, als er vor Pilatus gestanden, seiebenfalls nicht bescheiden gewesen, und habe nicht bescheiden geant-wortet, sondern als jener ihn frug: Bist du der König der Juden?habe er gesprochen: Du sagst eS, Und so sage auch er, der Graf Platen: