Die Bäder von Lucca. 11-?
wäre, als er jetzt ist. Der Mangel an Natnrlautcn in den Gedichtendes Grafen rührt vielleicht daher, daß er in einer Zeit lebt, wo erseine wahren Gefühle nicht nennen darf, wo dieselbe Sitte, die seinerLiebe immer feindlich entgegensteht, ihm sogar verbietet, seine Klagedarüber unverhüllt auszusprechen, wo er jede Empfindung ängstlichVerkappen muß, um so wenig das Ohr des Publikums als das eines„spröden Schönen" durch eine einzige Silbe zu erschrecken. DieseAngst läßt bei ihm keine eigenen Naturlaute aufkommen, sie ver-dammt ihn, die Gefühle anderer Dichter, gleichsam als untadelhaften,vorgefundenen Stoff, metrisch zu bearbeiten, und nötigenfalls zurVcrmummung seiner eigenen Gefühle zu gebrauchen. Unrecht ge-schieht ihm vielleicht, wenn man, solche unglückliche Lage verkennend,behauptet hat, daß der Graf Platen auch in der Poesie sich als Grafzeigen und auf Adel halten wolle, und uns daher nur Gefühle vonbekannter Familie, Gefühle, die schon ihre 64 Ahnen haben, vorführe.Lebte er in der Zeit des römischen Pythagoras, so würde er vielleichtseine eigenen Gefühle freier hervortreten lassen, und er würde viel-leicht für einen Dichter gelten. Es würden dann wenigstens dieNatnrlaute in seinen lyrischen Gedichten nicht vermißt werden —doch der Mangel an Gestalten in seinen Dramen würde noch immerbleiben, solange sich nicht auch seine sinnliche Natur veränderte, under gleichsam ein anderer würde. Die Gestalten, die ich meine, sindnämlich jene selbständigen Geschöpfe, die aus dem schaffenden Dichter-geiste, wie Pallas Athene aus dem Haupte Krvnions, vollendet undgerüstet hervortreten, lebendige Traumwesen, deren mystische Geburt,mehr als man glaubt, in wundersam bedingender Beziehung stehtmit der sinnlichen Natur des Dichters, so daß solches geistige Gebärendemjenigen versagt ist, der selbst nur als ein unfruchtbares Geschöpfsich ghaselig hiugiebt in windiger Weichheit.
Indessen, das sind Privatmeinungen eines Dichters, und ihrGewicht hängt davon ab, wie weit man an die Kompetenz desselbenglauben will. Ich kann nicht umhin zu erwähnen, daß der GrafPlaten gar oft dem Publikum versichert, daß er erst späterhin dasBedeutendste dichten werde, wovon man jetzt noch keine Ahnung habe,ja, daß er Jliadcn und Odysseen, Klassizitätstragödicn und sonstigellnsterblichkeitskolossalgedichte erst dann schreiben werde, wenn er sichnach so und so viel Lustren gehörig vorbereitet habe. Du hast, lieberLeser, diese Ergießnngcn des Selbstbewußtseins in mühsam gefeiltenVersen vielleicht selbst gelesen, und das Versprechen solcher schönenZukunft war dir vielleicht um so erfreulicher, als der Gras zu gleicherZeit alle Dichter Deutschlands, außer dem ganz alten Goethe, wieeinen Schwärm schlechter Sudler geschildert, die ihm nur im Wegestehen auf der Bahn des Ruhines, und die so unverschämt seien, jeneLorbeeren und Belohnungen zu Pflücken, die nur ihm gebührten.