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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
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114 NeisMlber II,

als ein Mann von Kopf, der Name Mann überhaupt paßt nicht fürihn, s eine Liebe hat einen passiv pythagoreischen Charakter, er ist inseinen Gedichten ein Pathikos, er ist ein Weib, und zwar ein Weib,das sich an gleich Weibischem ergötzt, er ist gleichsam eine männlicheTribade, Diese ängstlich schmiegsame Natur duckt durch alle seine Liebes-gedichte, er findet immer einen neuen Schönheitsfreund, überall in die-sen Gedichten sehen wir Polyandrie, und wenn er auch sentimentalisicrt:

„Du liebst und schweigst — O hätt' ich auch geschwiegen

Und meine Blicke nur an dich verschwendet!

O hätt' ich nie ein Wort dir zugewendet,

So müßt' ich keinen Kränkungen erliegen.

Doch diese Liebe möcht' ich gern besiegen,

Und weh dem Tag, an dem sie frostig endet!

Sie ward aus jenen Räumen uns gesendet,

Wo selig Engel sich an Engel schmiegen —"

so denken wir doch gleich an die Engel, die zu Loth, dem SohneHarans, kamen und nur mit Not und Mühe den zärtlichsten An-schmiegungen entgingen, wie wir lesen im Pentateuch, wo leider dieGhaselen und Sonette nicht mitgeteilt sind, die damals vor LothsThüre gedichtet wurden. Überall in den Platenschen Gedichten sehenwir den Vogel Strauß, der nur den Kopf verbirgt, den eiteln ohn-mächtigen Vogel, der das schönste Gefieder hat und doch nicht fliegenkann, und zänkisch humpelt über die polemische Sandwüste der Litte-ratnr. Mit seinen schönen Federn ohne Schwungkraft, mit seinenschönen Versen ohne poetischen Flug, bildet er den Gegensatz zu jenemUdler des Gesanges, der minder glänzende Flügel hat, aber sich da-mit zur Sonne erhebt — ich muß wieder auf den Refrain zurück-kommen: der Graf Platen ist kein Dichter.

Von einem Dichter verlangt man zwei Dinge: in'seinen lyrischenGedichten müssen Naturlaute, in seinen epischen oder dramatischenGedichten müssen Gestalten sein. Kann er sich in dieser Hinsicht nichtlegitimieren, so wird ihm der Dichtertitel abgesprochen, selbst wennseine übrigen Familienpapiere und Adelsdiplvme in der größtenOrdnung sind. Daß letzteres bei dem Grafen Platen der Fall seinmag, daran zweifle ich nicht, und ich bin überzeugt, er würde mit-leidig heiter lächeln, wenn man seinen Grafentitel verdächtig machenwollte; aber wagt es nur, über seinen Dichtertitel mit einer einzigenTente den geringsten Zweifel zu verraten — gleich wird er sich in-grimmig niedersetzen und fünfaktige Satiren gegen euch drucken.Denn die Menschen halten um so eifriger auf einen Titel, je zwei-deutiger und ungewisser der Titulus ist, der sie dazu berechtigt.Vielleicht aber würde der Graf Platen ein Dichter sein, wenn er ineiner andern Zeit lebte, und wenn er außerdem auch ein anderer