Die Bäder von Lucca. 113
Platcnschcn Gedichte in den Berliner Jahrbüchern für wissenschaftlicheKritik gerichtet worden. Aber so sind die Menschen, es wird ihnensehr leicht, in Eifer zu geraten, wenn sie über Sünden sprechen, dieihnen kein Vergnügen inachen würden. Im Morgenblatte las ichkürzlich einen Aufsatz, überschrieben: „Aus dem Journale einesLesers", worin der Graf Plntcn gegen solche strenge Tadler seinerFreundschaftsliebe mit jener Bescheidenheit sich ausspricht, die er niezu verleugnen weiß, und woran man ihn auch hier erkennt. Wenner sagt, daß „das Hcgelsche Wochenblatt" ihn eines geheimen Lastersmit „lächerlichem Pathos" beschuldige, so will er, wie leicht zu er-raten ist, nur der Rüge anderer Leute zuvorkommen, deren Gesin-nung er durch dritte Hand erforschen lassen. Indessen, man hat ihmschlecht berichtet, ich werde mir nie in dieser Hinsicht einen Pathoszu schulden kommen lassen, der edle Graf ist mir vielmehr eine er-götzliche Erscheinung, und in seiner erlauchten Liebhaberei sehe ichnur etwas Unzeitgemäßes, nur die zaghaft verschämte Parodie einesantiken Übermuts. Das ist es ja eben, jene Liebhaberei war imAltertum nicht in Widerspruch mit den Sitten, und gab sich kundmit heroischer Öffentlichkeit. Als z. B. der Kaiser Nero auf Schiffen,die mit Gold und Elfenbein ausgelegt waren, ein Gastmahl hielt,das einige Millionen kostete, ließ er sich mit einem ans dem Jüng-lingsserail, Namens Pythagoras, feierlich einsegnen hounata, ckonicinasxsotnts, gnns siünrn in ksrnirm nox oxsrit), und steckte nachher mitder Hvchzeitsfackcl die Stadt Rom in Brand, um bei den prasselndenFlamme» desto besser den Untergang Trojns besingen zu können.Das war noch ein Ghaselendichtcr, über den ich mit Pathos sprechenkonnte; doch nur lächeln kann ich über den neuen Pythagorcer, derim heutigen Rom die Pfade der Freundschaft dürftig und nüchternund ängstlich dahinschleicht, mit seinem hellen Gesichte von liebloserJugend abgewiesen wird, und nachher bei kümmerlichem Öllämpchensein Ghaselchen nusseufzt. Interessant in solcher Hinsicht ist die Vcr-gleichung der Platcnschcn Gedichtchen mit dem Petron. Bei diesemist schroffe, antike, Plastisch heidnische Offenheit; Graf Platen hingegen,trotz seinem Pochen ans Klassizität, behandelt seinen Gegenstand viel-mehr romantisch, verschleiernd, sehnsüchtig, pfäffisch, ich muß hinzu-setzen: heuchlerisch. Denn der Graf vermummt sich manchmal infromme Gefühle, er vermeidet die genaueren Geschlechtsbezeichnungen;nur die Eingeweihten sollen klar sehen; gegen den großen Hansenglaubt er sich genugsam versteckt zu haben, wenn er das Wort Freundmanchmal ausläßt, und es geht ihm dann wie dem Vogel Strauß,der sich hinlänglich verborgen glaubt, wenn er den Kopf in denSand gesteckt, so daß nur der Steiß sichtbar bleibt. Unser erlauchterVogel hätte besser gethan, wenn er den Steiß versteckt und uns denKopf gezeigt hätte. In der That, er ist mehr ein Mann von SteißHcine 's Werke. VI. Bd. 3