112 Neisebilder II.
Ich werde nicht genug gelobt, nicht genug belohnt, denn ich bin derPoet, der Poet der Poeten u. s. w. So hungrig und lechzend nochLob und Spenden zeigte sich nie ein wohrer Dichter, nicmols Klop-stock, niemals Goethe, zu deren drittem der Graf Platcn sich selbsternennt, obgleich jeder einsieht, daß er nur mit Ramler und etwaA. W. von Schlegel ein Triumvirat bildet. Der große Ramler, wieman ihn zu seiner Zeit hieß, als er, zwar ohne Lorbeerkranz aufdem Haupte, aber mit desto größerein Zopf und Haarbeutcl, dasAuge gen Himmel gehoben, und den steifleinenen Regenschirm untermArm, im Berliner Tiergarten skandierend wandelte, hielt sich damalsfür den Repräsentanten der Poesie auf Erden. Seine Verse warendie vollendetsten in deutscher Sprache, und seine Verehrer, woruntersogar ein Lessing sich verirrte, meinten, weiter könne man es in derPoesie nicht bringen. Fast dasselbe war späterhin der Fall beiA. W. von Schlegel, dessen poetische Unzulänglichkeit aber sichtbarwird, seitdem die Sprache weiter ausgebildet worden, so daß sogardiejenigen, die einst den Sänger des Arion für einen gleichfallsigcnArion gehalten, jetzt nur noch den verdienstlichen Schullehrer in ihmsehen. Ob aber der Graf Platcn schon befugt ist, über den sonstrühmenswerten Schlegel zu lachen, ivie dieser einst über Ramler lachte,das weiß ich nicht. Aber das weiß ich, in der Poesie sind alle dreisich gleich, und wenn der Graf Platen noch so hübsch in den Ghaselenseine schaukelnden Bnlancierkünste treibt, wenn er in seinen Odennoch so vortrefflich den Eiertanz exekutiert, ja, wenn er in seinenLustspielen sich ans den Kopf stellt — so ist er doch kein Dichter.Er ist kein Dichter, sagt sogar die undankbare männliche Jugend,die er so zärtlich besingt. Er ist kein Dichter, sagen die Frauen, dievielleicht — ich muß es zu seinem Besten andeuten — hier nichtganz unparteiisch sind, und vielleicht, wegen der Hingebung, die siebei ihm entdecken, etwas Eifersucht empfinden, oder gar durch dieTendenz seiner Gedichte ihre bisherige vorteilhafte Stellung in derGesellschaft gefährdet glauben. Strenge Kritiker, die mit scharfenBrillen versehen sind, stimmen ein in dieses Urteil, oder äußern sichnoch lakonisch bedenklicher. Was finden Sie in den Gedichten desGrafen von Platcn-Hallermünde? frug ich jüngst einen solchen Mann.Sitzfleisch, war die Antwort. Sie meinen in Hinsicht der mühsamen,ausgearbeiteten Form? entgegnete ich. Nein, erwiderte jener, Sitz-fleisch auch in betreff deS Inhalts.
Was nun den Inhalt der Platenschen Gedichte betrifft, so möchteich den armen Grafen dafür zwar nicht loben, aber ihn auch nichtunbedingt der censorischen Wut preisgeben, womit unsere Catonendavon sprechen oder gar schweigen. Lllmonn a, son Aoüt, dem einengefällt der Ochs, dem andern Wasischtas Kuh. Ich tadele sogar denfurchtbaren rhadnmantischen Ernst, womit über jenen Inhalt der