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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
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Die Bäder von Lucca, III

metrischen Verdienste des Grafen zu würdigen. Die bittere Mühe,die unsägliche Beharrlichkeit, das winternächtliche Zähneklappern, dieingrimmigen Anstrengungen, womit er die Verse ausgearbeitet, ent-deckt unsereiner weit eher als der gewohnliche Leser, der die Glätte,Zierlichkeit und Politur jener Verse des Grafen für etwas Leichteshält, und sich an der glatten Wortspielerei gedankenlos ergötzt, wieman sich bei Kunstspringern, die auf dem Seile balancieren, überEier tanzen und sich auf den Kopf stellen, ebenfalls einige Stundenamüsiert, ohne zu bedenken, daß jene armen Wesen nur durch jahre-langen Zwang und gransames Hungerleiden solche Gelenkigkeitskünste,solche Metrik des Leibes erlernt haben. Ich, der ich mich in derDichtkunst nicht so sehr geplagt und sie immer in Verbindung mitgutem Essen ausgeübt habe, ich will den Grafen Platen, dem essaurer und nüchterner ergangen, um so mehr preisen, ich will vonihm rühmen, daß kein Seiltänzer in Europa so gut wie er aufschlaffen Ghasclen balanciert, daß keiner den Eiertanz über

so gut exekutiert wie er, daß keiner sich so gut wie er ans den Kopfstellt. Wenn ihm auch die Musen nicht hold sind, so hat er doch denGeniuS der Sprache , in seiner Gewalt, oder vielmehr er weiß ihmGewalt anznthnn; denn die freie Liebe dieses Genius fehlt ihm, ermuß auch diesem Jungen beharrlich nachlaufen, und er weiß nur dieäußeren Formen zu erfassen, die trotz ihrer schonen Nundung sich nieedel aussprechen. Nie sind tiefe Naturlante, wie wir sie im Bvlks-liede, bei Kindern und andern Dichtern finden, ans der Seele einesPlaten hervorgebrochen oder offenbarungsmäßig hervorgeblüht; denbeängstigenden Zwang, den er sich anthun muß, um etwas zu sagen,nennt er eine „große That in Worten" — so gänzlich unbekannt mitdem Wesen der Poesie, weiß er nicht einmal, daß das Wort nur beidem Rhctor eine That ist, bei dem wahren Dichter aber ein Ereignis,Ungleich dem wahren Dichter, ist die Sprache nie Meister gewordenin ihm, er ist dagegen Meister geworden in der Sprache, oder viel-mehr auf der Sprache, wie ein Virtuose auf einem Instrumente, Jeweiter er es solcherart im Technischen brachte, desto größere Meinung.bekam er von seiner Virtuosität; er wußte ja in allen Weisen zu spie-len, er versifizicrte ja die schwierigsten Passagen, er dichtete, sozusagen,manchmal nur ans der K-Saite, und ärgerte sich, wenn das Publikumnicht klatschte. Wie alle Virtuosen, die solch einseitiges Talent aus-gebildet, strebte er nur nach Applnudisscment, sah er mit Ingrimmauf den Ruhm anderer, beneidete er seine Kollegen tun ihren Gewinst,wie z, B, den Clauren, schrieb er gleich fünfaktige Pasquille, wenn ernur eine einzige lt'enie des Tadels ans sich beziehen konnte, kontrollierteer alleRecensionen, worin andere gelobt wurden, und schrie er beständig: