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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
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Die Bäder von Lucca. 109

gewesen sei, indem er mit der liebreichsten Demut ihre Erlaubniserbeten, dann und wann zu ihnen aufS Zimmer kommen zu dürfen,und sogar die Gutmütigkeit so weit getrieben habe, immer wieder zukommen, selbst wenn man ihn die Lästigkeit seiner Visiten aufs deut-lichste merken lassen. Dergleichen Erzählungen haben mich gewisser-maßen gerührt, obgleich ich diesen Mangel an Personalbeifall sehrnatürlich fand. Vergebens klagte oft der Graf:

— Deine blonde Jugend, süßer Knabe,

Verschmäht den melancholischen Genossen.

So will in Scherz ich mich ergchn, in Possen,

Anstatt ich jetzt mich bloß an Thronen labe,

Und um der Fröhlichkeit mir fremde GabeHab' ich den Himmel anzuflehn beschlossen.

Vergebens versicherte der arme Graf, daß er einst der berühmtesteDichter werde, daß schon der Schatten eines Lorbeerblattes auf seinerStirne sichtbar sei, daß er seine süßen Knaben ebenfalls unsterblichmachen könne durch unvergängliche Gedichte. Ach! eben diese Ccle-britttt war keinem lieb, und in der That, sie war keine beneidens-werte. Ich erinnere mich noch, mit welchem unterdrückten Lächelneilt Kandidat solcher Celebrität von einigen lustigen Freunden unterden Arkaden zu München betrachtet wurde. Ein scharfsichtiger Böse-wicht meinte sogar, er sähe zwischen den Rockschößen desselben denSchatten eines Lorbeerblattes. Was mich betrifft, lieber Leser, so binich nicht so boshaft, wie du denkst, ich bemitleide den armen Grafen,wenn ihn andere verhöhnen, ich zweifle, daß er sich an der verhaßten„Sitte" thätlich gerächt habe, obgleich er in seinen Liedern schmachtet,sich solcher Rache hinzugeben; ich glaube vielmehr an die verletzendenKränkungen, beleidigenden Zurücksetzungen und Abweisungen, wovoner selbst so rührend singt. Ich bin überzeugt, er betrug sich gegendie Sitten überhaupt weit löblicher, als ihm selber lieb war, und erkann vielleicht, wie General Tilly, von sich rühmen: Ich war nieberauscht, ich habe nie ein Weib berührt, und habe nie eine Schlachtverloren. Deshalb gewiß sagt von ihm der Dichter:

Du bist ein nüchterner, modester Junge.

Der arme Junge, oder vielmehr der arme alte Junge — denner hatte schon einige Lustren hinter sich — hockte damals, wenn ichnicht irre, auf der Universität in Erlangen, Ivo man ihm einigeBeschäftigung angewiesen hatte; doch da diese seinem hochstrebendenGeiste nicht genügte, da mit den Lustren auch die Lüsternheit nachillüstrer Lust ihn mehr und mehr stachelte, und der Graf von seinerkünftigen Herrlichkeit täglich mehr und mehr begeistert wurde, gaber jenes Geschäft auf und beschloß, von der Schriftstellerei, von ge-legentlichen Gaben von oben und einigen sonstigen Verdiensten zu