104 Neiscbilder II.
dicht zusammen, flicht zusammen! kamische Poesie! Mein Schwager,wenn er Gedichte liest, macht oft den Spaß, daß er am Ende jederZeile die Worte „von vorn" und „von hinten" abwechselnd hinzu-setzt; und ich habe nie gewußt, daß die Poesiegedichtc, die dadurchentstehen, Ghasclen heißen. Ich muß einmal die Probe machen, obdas Gedicht, das der Herr Marchcse deklamiert hat, nicht noch schönerwird, wenn man nach dem Wort „zusammen" jedesmal mit Ab-wechslung „von vorn" und „von hinten" setzt; die Poesie davonwird gewiß zwanzig Prozent starker.
Ohne auf dieses Geschwätz zu achten, fuhr der Marchcse fort imDeklamieren von Ghaselen und Sonetten, worin der Liebende seinenSchönhcitsfreund besingt, ihn preist, sich über ihn beklagt, ihn desKaltsinus beschuldigt, Pläne schmiedet, um zu ihm zn gelangen, mitIhm angelt, eifersüchtelt, schmächtelt, eine ganze Skala von Zärtlich-keiten durchliebelt, und zwar so warmsclig, betastnngssüchtig undanleckend, daß man glauben sollte, der Verfasser sei ein manntollcsMägdlein — Nur müßte es dann einigermaßen befremden, daßdieses Mägdlein beständig jammert, ihre Liebe sei gegen die „Sitte",daß sie gegen „diese trennende Sitte" so bitter gestimmt ist wie einTaschendieb gegen die Polizei, daß sie liebend „die Lende" desFreundes umschlingen möchte, daß sie sich über „Neider" beklagt,„die sich schlau vereinen, um uns zn hindern und getrennt zn halten",daß sie über verletzende Kränkungen klagt von feiten des Freundes,daß sie ihm versichert, sie wolle ihn nur flüchtig erblicke», ihm beteuert:„Nicht eine Silbe soll dein Ohr erschrecken!" und endlich gesteht:
„Mein Wunsch bei andern zeugte Widerstreben,
Du hast ihn nicht erhört, doch abgeschlagen
Hast du ihn auch nicht, o mein süßes Leben!"
Ich muß dem Marchese das Zeugnis erteilen, daß er diese Ge-dichte gut vortrug, hinlänglich dabei seufzte, ächzte und auf demSofa hin und her rutschend gleichsam mit dem Gesäße kokettierte.Hyacinth versäumte keineswegs, immer die Reime nachzuplappern,wenn er auch ungehörige Bemerkungen dazwischen schwätzte. DenOden schenkte er die meiste Aufmerksamkeit. Man kann bei dieserSorte, sagte er, weit mehr lernen, als bei Sauuetten und Ghaselen;da bei den Oden die Füße oben ganz besonders abgedruckt sind, kannman jedes Gedicht mit Bequemlichkeit nachrechnen. Jeder Dichtersollte, wie der Gras Plate», bei seinen schwierigsten Pocsicgcdichtendie Füße oben drucken und zu den Leuten sagen: Seht, ich bin einehrlicher Mann, ich will euch nicht betrügen, diese krummen undgeraden Striche, die ich vor jedes Gedicht setze, sind, sozusagen, einConto fiuto von jedem Gedicht, und ihr könnt nachrechnen, wievielMühe es mich gekostet, sie sind, sozusagen, das Ellenmaß von jedem