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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
Seite
105
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Die Bäder von Lucca. 103

Gedichte, und ihr könnt nachmessen, und fehlt daran eine einzigeSilbe, so sollt ihr mich einen Spitzbuben nennen, so wahr ich einehrlicher Mann bin. Aber eben durch diese ehrliche Miene kann dasPublikum betrogen werden. Eben wenn die Füße vor dem Gedichteangegeben sind, denkt man: Ich will kein mißtrauischer Mensch sein,wozu soll ich dem Manne nachzahlen? er ist gewiß ein ehrlicherMann, und man zählt nicht nach und wird betrogen. Und kannmau immer nachrechnen? Wir sind jetzt in Italien, und da habe ichZeit, die Füße mit Kreide auf die Erde zu schreiben und jede Odezu kollationieren. Aber in Hamburg, wo ich mein Geschäft habe,fehlt mir die Zeit dazu, und ich müßte dem Grafen Platen ungezählttrauen, wie man traut bei den Geldbeuteln von der Conrantkasse,worauf geschrieben steht, wieviel Hundert Thaler darin enthalten —sie gehen versiegelt von Hand zu Hand, jeder traut dem andern, daßso viel darin enthalten ist, wie darauf steht, und es giebt doch Bei-spiele, daß ein Müßiggänger, der nicht viel zu thun hatte, so einenBeutel geöffnet und nachgezahlt und ein paar Thaler zu wenig daringefunden hat. So kann auch in der Poesie viel Spitzbüberei vor-fallen. Besonders wenn ich an Geldbeutel denke, werde ich miß-trauisch. Denn mein Schivager hat mir erzählt, im Zuchthaus zuOdensce sitzt — ein gewisser jemand, der bei der Post angestellt war,und die Geldbeutel, die durch seine Hände gingen, unehrlich geöffnetund unehrlich Geld herausgenommen, und sie wieder künstlich zuge-näht und weiter geschickt hat. Hört man von solcher Geschicklichkeit,so verliert man das menschliche Zutrauen und wird ein mißtrauischerMensch. Es giebt jetzt viel Spitzbüberei in der Welt, und es ist ge-wiß in der Poesie wie in jedem andern Geschäfte.

Die Ehrlichkeit — fuhr Hyacinth fort, während der Marcheseweiter deklamierte, ohne unserer zu achten, ganz versunken in Gefühl— die Ehrlichkeit, Herr Doktor, ist die Hauptsache, und wer kein ehr-licher Mann ist, den betrachte ich wie einen Spitzbuben, und wen ichwie einen Spitzbuben betrachte, von dem kaufe ich nichts, von demlese ich nichts, kurz ich mache kein Geschäft mit ihm. Ich bin einMann, Herr Doktor, der sich auf nichts etwas einbildet; wenn ichmir aber etwas einbilden wollte auf etwas, so würde ich mir etwasdarauf einbilden, daß ich ein ehrlicher Mann bin. Ich will Ihneneinen edlen Zug von mir erzählen, und Sie werden staunen — ichsag' Ihnen, Sic werden staunen, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin.Da wohnt ein Mann in Hamburg auf dem Speersort, uud der istein Krantkrämer und heißt Klötzchen, das heißt, ich heiße den MannKlötzchen, weil wir gute Freunde sind, sonst heißt der Mann HerrKlotz. Auch seine Frau muß man Madam Klotz nennen, und siehat nie leiden können, daß ihr Mann bei mir spielte, und wenn ihrMann bei mir spielen wollte, so durfte ich mit dem Lotterielos nicht