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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
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102 Reisebildcr II,

griechisch fühlen, und in solcher Weise ihre Gefühle an den Manndringen.

Versteht sich an den Mann, nicht an die Frau, wie ein nnklassischerromantischer Dichter zu thun Pflegt — bemerkte meine Wenigkeit,

Herr Gumpcl spricht zuweilen wie ein Buch, flüsterte mir Hya-cinth von der Seite zu, preßte die schmalen Lippen zusammen,blinzelte mit stolz vergnügten Auglein, und schüttelte das wunder-staunende Häuptlein, Ich sage Ihnen — setzte er etwas lauterhinzu — wie ein Buch spricht er zuweilen, er ist dann, sozusagen,kein Mensch mehr, sondern ein höheres Wesen, und ich werde dannwie dumm, je mehr ich ihn anhöre.

Und was haben Sie denn jetzt in den Händen ? frng ich den Marchcse,Brillanten! antwortete er und überreichte mir das Buch,Bei dem Wort „Brillanten" sprang Hyacinth in die Höhe; dochals er nur ein Buch sah, lächelte er mitleidigen Blicks, Das brillanteBuch aber hatte auf dem Vorderblatte folgenden Titel:

„Gedichte von August Grafen von Platcn; Stuttgart und Tü-bingen, Verlag der I. G. Cottaschen Buchhandlung. 1823."Ans dem Hinterblatte stand zierlich geschrieben:

„Geschenk mariner brüderlicher Freundschaft,"

Dabei roch daS Buch nach jenem seltsamen Parfüm, der mit Eaude Cologne nicht die mindeste Verwandtschaft hat, und vielleicht auchdem Umstände beizumessen war, daß der Marchese die ganze Nachtdarin gelesen hatte.

Ich habe die ganze Nacht kein Auge zuthun können — klagteer mir — ich war so sehr bewegt, ich mußte elfmal aus dem Bettesteigen, und zum Glück hatte ich dabei diese vortreffliche Lektüre,woraus ich nicht bloß Belehrung für die Poesie, sondern auch Trostfür das Leben geschöpft habe. Sic sehen, wie sehr ich das Buch ge-ehrt, es fehlt kein einziges Blatt, und doch, wenn ich so saß, wie ichsaß, kam ich manchmal in Versuchung —

Das wird mehreren passiert sein, Herr Marchese,

Ich schwöre Ihnen bei unserer lieben Frau von Lorettv und sowahr ich ein ehrlicher Mann bin — fuhr jener fort — diese Gedichtehaben nicht ihresgleichen. Ich war, wie Sie wissen, gestern abendin Verzweiflung, sozusagen, au Dsscspvir, als das Fatum mir nichtvergönnte, meine Julia zu besitzen — da las ich diese Gedichte, jedes-mal ein Gedicht, wenn ich aufstehen mußte, und eine solche Gleich-gültigkeit gegen die Weiber war die Folge, daß mir mein eigenerLicbesschmerz zuwider wurde. Das ist eben das Schöne au diesemDichter, daß er nur für Männer glüht, in warmer Freundschaft; ergicbt uns den Vorzug vor dem weiblichen Geschlechte, und schon fürdiese Ehre sollten wir ihm dankbar sein. Er ist darin größer alsalle andern Dichter, er schmeichelt nicht dem gewöhnlichen Geschmack