Die Beider von Lucca. 1l)1
der Marchese Cristvforo di Gumpclino sitzt, oder vielmehr liegt wiedernachlässig vornehm auf den Kissen des Sofas, der edel schwitzendeLeib ist wieder mit dem dünnen blauseidencn Domino bekleidet, inden Händen hält er ein Buch, das in rotes Saffianpapier mit Gold-schnitt gebunden ist, und deklamiert daraus laut und schmachtend.Sein Auge hat dabei einen gewissen klebrichten Lustre, wie er ver-liebten Katern eigen zu sein Pflegt, und seine Wangen, sogar diebeiden Seitenflügel der Nase, sind etwas leidend blaß. Jedoch, lieberLeser, diese Blässe ließe sich wohl philosophisch anthropologisch erklären,wenn man bedenkt, daß der Marchese den Abend vorher ein ganzesGlas Glaubersalz verschluckt hat.
Hirsch-Hyacinthos aber kauert am Boden des Zimmers, undmit einem großen Stück weißer Kreide zeichnet er auf das brauneEstrich in großem Maßstabe ungefähr folgende Charaktere:
Dieses Geschäft scheint dem kleinen Manne ziemlich sauer zuwerden; keuchend bei dem jedesmaligen Bücken murmelte er verdrieß-lich: Spondeus, Trochäus, Jambus, Antispaß, Anapäst und die Pest lDazu hat er, um der bequemeren Bewegung willen, den rotenOberrvck abgelegt, und zum. Borschein kommen zwei kurze, demütigeBcinchcn in engen Scharlachhosen, und zwei etwas längere abgemagerteArme in weißen, schlotternden Hemdärmeln,
Was sind das für sonderbare Figuren? frug ich ihn, als ichdiesem Treiben eine Weile zugesehen.
Das sind Füße in Lebensgröße — ächzte er zur Antwort —und ich geplagter Mann muß diese Füße im Kopfe behalten, undmeine Hände thun mir schon weh von all den Füßen, die ich jetztaufschreiben muß. Es sind die währen, echten Füße von der Poesie,Wenn ich es nicht meiner Bildung wegen thäte, so ließe ich die Poesielaufen mit all ihren Füßen, Ich habe jetzt bei dein Herrn MarchesePrivatunterricht in der Poesiekunst, Der Herr Marchese liest mir dieGedichte vor, und expliziert mir, ans wieviel Füßen sie bestehen, undich muß sie notieren und dann nachrechnen, ob das Gedicht richtig ist,Sie treffen uns — sprach der Marchese, didaktisch pathetischenTones - wirklich in einer poetischen Beschäftigung, Ich weiß wohl,Doktor, Sie gehören zu den Dichtern, die einen eigensinnigen Kopfhaben, und nicht einsehen, daß die Füße in der Dichtkunst die Haupt-sache sind. Ein gebildetes Gemüt wird aber nur durch die gebildeteForm angesprochen, diese können wir nur von den Griechen lernenund von neueren Dichtern, die griechisch streben, griechisch denken,