100 Neisebilder II.
Herr Gumpel — sprach es endlich aus ihm hervor — schickenSie mich!
Bei diesen Worten zog eine hohe Röte über das bläßliche Gc-schäftsgesicht.
Kapitel X.
Als Candide nach Eldorado kam, sah er ans der Straße mehrereBuben, die mit großen Goldklumpen statt mit Steinen spielten.Dieser Luxus machte ihn glauben, es seien das Kinder des Königs,und er war nicht wenig verwundert, als er vernahm, daß in Eldo-rado die Goldklumpen ebenso wertlos sind, wie bei uns die Kieselsteine,und daß die Schulknaben damit spielen. Einem meiner Freunde,einem Ausländer, ist etwas Ähnliches begegnet, als er nach Deutsch-land kam und zuerst deutsche Bücher las und über den Gedanken-reichtum, welchen er darin fand, sehr erstaunte: bald aber merkte er,daß Gedanken in Deutschland so häufig sind, wie Goldklumpen inEldorado, und daß jene Schriftsteller, "die er für Gcistesprinzcn ge-halten, nur gewöhnliche Schulknaben waren.
Diese Geschichte kommt mir immer in den Sinn, wenn ich imBegriff stehe, die schönsten Reflexionen über Kunst und Leben nieder-zuschreiben, und dann lache ich, und behalte lieber meine Gedanken inder Feder, oder kritzele statt dieser irgend ein Bild oder Figiirchen aufdas Papier, und überrede mich, solche Tapeten seien in Deutschland,dem geistigen Eldorado, weit brauchbarer als die goldigsten Gedanken.
Auf der Tapete, die ich dir jetzt zeige, lieber Leser, siehst duwieder die wohlbekannten Gesichter Gumpelinvs und seines Hirsch-Hyaeinthos, und wenn auch jener mit minder bestimmten Zügen dar-gestellt ist, so hoffe ich doch, du wirst scharfsinnig genug sein, einenNcgationscharakter ohne allzu positive Bezeichnungen zu begreifen.Letztere konnten mir einen Jnjurienprozcß zuwege bringen, oder garnoch bedenklichere Dinge. Denn der Marchese ist mächtig durch Geldund Verbindungen. Dabei ist er der natürliche Alliierte meinerFeinde, er unterstützt sie mit Subsidien, er ist Aristokrat, Ultra-Papist, nur etwas fehlte ihm noch — je nun, auch das wird er sichschon anlehren lassen — er hat das Lehrbuch dazu in den Händen,wie du auf der Tapete sehen wirst.
Es ist wieder Abend, auf dem Tische stehen zwei Armleuchtermit brennenden Wachskerzen, ihr Schimmer spielt über die goldenenRahmen der Heiligenbilder, die, an der Wand hängend, durch dasflackernde Licht und die beweglichen Schatten zu leben scheinen.Draußen vor dein Fenster stehen im silbernen Mondschein, unheim-lich bewegungslos, die düsteren Cypressen, und in der Ferne ertöntein trübes Marienliedchcn in abgebrochenen Lauten und wie von einerkranken Kinderstimme. ES herrscht eine eigene Schwüle im Zimmer,