93 Reisebilder II.
Liebe will mir ihren Nektarkelch kredenzen, und ich, ach! ich Hans-narr des Glücks, ich habe schon den Becher des Glaubersalzes geleert!Wer bringt mir den schrecklichen Trank wieder aus dem Magen?Hilfe! Hilfe!
Hier kann kein irdischer Lebensmensch mehr helfen, seufzte Hyacinth.
Ich bedaure Sie von ganzem Herzen, kondolierte ich ebenfalls.Statt eines Kelchs mit Nektar ein GlaS mit Glaubersalz zu genießen,das ist bitter! Statt des Thrones der Liebe harrt Ihrer jetzt derStuhl der Nacht!
O Jesus! O Jesus — schrie der Marchese noch immer — Ichfühle, wie es durch alle meine Adern rinnt — O wackerer Apotheker!dein Trank wirkt schnell — aber ich lasse mich doch nicht dadurchabhalten, ich will zu ihr eilen, zu ihren Füßen will ich niedersinkenund da verbluten!
Von Blut ist gar nicht die Rede — begütigte Hyacinth — Siehaben ja keine Homeriden. Seien Sie nur nicht leidenschaftlich - -
Nein, nein! ich will zu ihr hin, in ihren Armen — o Nacht!o Nacht —
Ich sage Ihnen — fuhr Hyacinth fort mit philosophischer Ge-lassenheit — csie werden in ihren Armen keine Ruhe haben, Siewerden zwanzigmal aufstehen müssen. Seien Sie nur nicht leiden-schaftlich. Je mehr Sie im Zimmer ans und ab springen und jemehr Sie sich altericrcn, desto schneller wirkt das Glaubersalz. IhrGemüt spielt der Natur in die Hände. Sie müssen wie ein Manntragen, waS das Schicksal über Sie beschlossen hat. Daß es so ge-kommen ist, ist vielleicht gut, und es ist vielleicht gut, daß es so ge-kommen ist. Der Mensch ist ein irdisches Wesen und begreift nichtdie Fügung der Göttlichkeit. Der Mensch meint oft, er ginge seinemGlück entgegen, und auf seinem Wege steht vielleicht das Unglück miteinem Stock, und wenn ein bürgerlicher Stock auf einen adeligenRücken kommt, so fühlt's der Mensch, Herr Marchese.
Weh mir, ich Narr des Glücks! tobte noch immer Gumpelino,sein Diener aber sprach ruhig weiter:
Der Mensch erwartet oft einen Kelch mit Nektar, und er kriegteine Prügelsuppe, und ist auch Nektar süß, so sind doch Prügel umso bitterer; und es ist noch ein wahres Glück, daß der Mensch, derden andern prügelt, am Ende müde wird, sonst könnte es der anderewahrhaftig nicht aushalten. Gefährlicher ist aber noch, wenn dasUnglück mit Dolch und Gift auf dem Wege der Liebe dem Menschennustauert, so daß er seines Lebens nicht sicher ist. Vielleicht, HerrMarchese, ist es wirklich gut, daß es so gekommen ist, denn vielleichtwären Sie in der Hitze der Liebe zu der Geliebten hingelaufen, undauf dem Wege wäre ein kleiner Italiener mit einein Dolch, der sechsBrabanter Ellen laug ist, auf Sie loSgerannt, und hätte Sie — ich