Druckschrift 
6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
Seite
88
Einzelbild herunterladen
 

88 Neisebilber II.

amputiert? War es etwa der hochherzige Brite, der Mann in Lvni-bardstreet, der ein Leihhaus für Kaiser und König errichtet hat?

Versteht sich, Herr Doktor, ich meine den großen Rothschild, dengroßen Nathan Rothschild, Nathan den Weisen, bei dem der Kaiservon Brasilien seine diamantene Krone versetzt hat. Aber ich habeauch die Ehre gehabt, den Baron Salonion Rothschild in Frankfurtkennen zu lernen, und wenn ich mich auch nicht seines intimenFußes zu erfreuen hatte, so wußte er mich doch zu schätzen. Alsder Herr Marchese zu ihm sagte, ich sei einmal Lotteriekollekteur ge-wesen, sagte der Baron sehr witzig: Ich bin ja selbst so etwas, ichbin ja der Oberkollekteur der Rvthschildschcn Lose, und mein Kollegedarf beileibe nicht mit den Bedienten essen, er soll neben nur beiTische sitzen — Und so wahr mir Gott alles Guts geben soll, HerrDoktor, ich saß neben Solomon Rothschild, und er behandelte michganz wie seinesgleichen, ganz famillionär. Ich war auch bei ihmauf dem berühmten Kinderball, der in der Zeitung gestanden. Soviel Pracht bekomme ich mein Lebtag nicht mehr zu sehen. Ich bindoch auch in Hamburg ans einem Ball gewesen, der ISOO Mark und8 Schilling kostete, aber das war doch nur wie ein Hühnerdrcckchcngegen einen Misthaufen. Wieviel Gold und Silber und Diamantenhabe ich dort gesehen! Wieviel Sterne und Orden! Den Falkcn-orden, das goldene Vließ, den Löwenorden, den Adlerorden — sogarein ganz klein Kind, ich sage Ihnen, ein ganz klein Kind trug einenElcfantcnorden. Die Kinder waren gar schön maskiert und spieltenAnleihe, und waren angezogen wie die Könige, mit Kronen auf denKöpfen, ein großer Junge aber war angezogen präcise wie der alteNathan Rothschild. Er machte seine Sache sehr gut, hatte beideHände in der Hosentasche, klimperte mit Geld, schüttelte sich verdrieß-lich, wenn einer von den kleinen Königen was geborgt haben wollte,und nur dem kleinen mit dem weißen Rock und den roten Hosenstreichelte er freundlich die Backen, und lobte ihn: Du bist meinPläsir, mein Liebling, mein' Pracht, aber dein Vetter Michel sollmir vom Leib bleiben, ich werde diesem Narren nichts borgen, dertäglich mehr Menschen ausgiebt, als er jährlich zu verzehren hat, eskommt durch ihn noch ein Unglück in die Welt, und mein Geschäftwird darunter leiden. So wahr mir Gott alles Guts gebe, derJunge machte seine Sache sehr gut, besonders wenn er das dickeKind, das in weißen Atlas mit echten silbernen Lilien gewickelt war,im Gehen unterstützte und bisweilen zn ihm sagte: Na, na, du, du,führ' dich nur gut ans, ernähr' dich redlich, sorg', daß du nicht wiederweggejagt wirst, damit ich nicht mein Geld verliere. Ich versichereSie, Herr Doktor, es war ein Vergnügen, den Jungen zu hören;und auch die andern Kinder, lauter liebe Kinder, machten ihre Sachesehr gut — bis ihnen Kuchen gebracht wurde, und sie sich um das