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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
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Die Bader von Lucca. 85

kann man seine Pfeile nicht so leicht rauben, wie dem Jupiter seinenBlitz und den Tyrannen ihr Zepter, Außerdem wirkt nicht jedeLiebe blitzartig; manchmal lauert sie wie eine Schlange unter Rosen,und erspäht die erste Herzenslücke, um hincinzuschlüpfcn; manchmalist es nur ein Wort, ein Blick, die Erzählung einer unscheinbarenHandlung, was ivie ein lichtes Samenkorn in unser Herz fällt, eineganze Wiuterzeit darin liegt, bis der Frühling kommt, und das kleineSamenkorn aufschießt zu einer flammenden Blume, deren Duft denKopf betäubt. Dieselbe Sonne, die im Nilthal Ägyptens Krokodilcn-eier ausbrütet, kann zugleich zu Potsdam an der Havel die Licbes-saat in einem jungen Herzen zur Bollreife bringen — dann giebt esThränen in Ägypten und Potsdam, Aber Thränen sind noch langekeine Erklärungen — Was ist die Liebe? Hat keiner ihr Wesen er-gründet? hat keiner das Rätsel gelöst? Vielleicht bringt solche Lösunggrößere Qual als das Rätsel selbst, und das Herz erschrickt und er-starrt darob, wie beim Anblick der Medusa. Schlangen ringeln sichum daS schreckliche Wort, das dieses Rätsel auflöst — O, ich willdieses Auflösungswort niemals wissen, das brennende Elend in mei-nem Herzen ist mir immer noch lieber als kalte Erstarrung, O,sprecht es nicht aus, ihr gestorbenen Gestalten, die ihr schmerzlos ivieStein, aber auch gefühllos ivie Stein durch die Rosengärten dieserWelt wandelt, und mit bleichen Lippen auf den thörichtcn Gesellenherablttchelt, der den Duft der Rosen preist und über Dornen klagt.

Wenn ich dir aber, lieber Leser, nicht zu sagen vermag, was dieLiebe eigentlich ist, so könnte ich dir doch ganz ausführlich erzählen,wie mau sich gebärdet und wie einem zn Mute ist, wenn man sichauf den Apcnninen verliebt hat. Man gebärdet sich nämlich wie einNarr, man tanzt iiber Hügel und Felsen und glaubt, die ganze Welttanze mit. Zu Mute ist einem dabei, als sei die Welt erst heuteerschaffen worden, und man sei der erste Mensch, Ach, wie schön istdas alles! jauchzte ich, als ich FranccSkas Wohnung verlassen hatte.Wie schön und kostbar ist diese neue Welt! Es war mir, als müßteich allen Pflanzen nnd Tieren einen Namen geben und ich benanntealles nach seiner inneren Natur und nach meinem eigenen Gefühl,das mit den Anßendingen so wunderbar verschmolz. Meine Brustwar eine Quelle von Offenbarung, und ich verstand alle Formenund Gestaltungen, den Duft der Pflanzen, den Gesang der Vögel,das Pfeifen des Windes und das Rauschen der Wasserfälle, Manch-mal hörte ich auch die göttliche Stimme: Adam, wo bist du? Hierbin ich, Franceska, rief ich dann, ich bete dich an, denn ich weißganz gewiß, du hast Sonne, Mond und Sterne erschaffen und dieErde mit allen ihren Kreaturen! Dann kicherte es aus den Myrten-büschen, und heinilich seufzte ich in mich hinein: O süße Thorhcit,verlaß mich nicht!