Die Bnder von Lucca. 83
Reife entfaltet. Und, Signorn! setzte er hinzu, sowie die Pomeranze,je älter sie wird, auch desto gelber wird, so wird auch Ihre Schön-heit mit jedem Jahre desto reifer.
Die Dame schien mit dieser Vergleichung zufrieden zn sein, undgestand ebenfalls, daß sie sich wirklich reifer fühle als sonst, besondersgegen damals, wo sie noch ein dünnes Ding gewesen und zuerst inBologna aufgetreten sei, und daß sie noch jetzt nicht begreife, wie siein solcher Gestalt so viel Furore habe machen können. Und nun er-zählte sie ihr Debüt als Ariadne, worauf sie, wie ich später entdeckte,sehr oft zurückkam, bei welcher Gelegenheit auch Signor Bartolo dasGedicht deklamieren mußte, das er ihr damals aufs Theater geworfen.Es war ein gutes Gedicht, voll rührender Trauer über Thesens'Treulosigkeit, voll blinder Begeisterung für Bacchus und blühenderVerherrlichung Ariadnes. Bella cosa! rief Signora Lätizia bei jederStrophe, und auch ich lobte die Bilder, den Versbau und die ganzeBehandlung jener Mythe.
Ja, sie ist sehr schön, sagte der Professor, und es liegt ihr gewißeine historische Wahrheit zum Grunde, wie denn auch einige Autorenuns ausdrücklich erzählen, daß Öncns, ein Priester des Bacchus, sichmit der trauernden Ariadne vermählt habe, als er sie verlassen ansNaxos angetroffen; und, wie oft geschieht, ist in der Sage aus demPriester des Gottes der Gott selbst gemacht worden.
Ich konnte dieser Meinung nicht beistimmen, da ich mich in derMythologie mehr zur historischen Ausdeutung hinneige, und ich ent-gegnete: In der ganzen Fabel, daß Ariadne, nachdem Thescns sieans Naxos sitzen lassen, sich dem Bacchus in die Arme geworfen, seheich nichts anderes als die Allegorie, daß sie sich dem Trunk ergebenhat, eine Hypothese, die noch mancher Gelehrte meines Vaterlandesmit mir teilt. Sie, Herr Marchese, werden wahrscheinlich wissen,daß der selige Bankier Bethmann, im Sinne dieser Hypothese, seineAriadne so zu beleuchten wußte, daß sie eine rote Nase zu haben schien.
Ja, ja, Bethmann in Frankfurt war ein großer Mann! riefder Marchese; jedoch im selben Augenblicke schien ihm etwas Wichtigesdurch den Kopf zu laufen, seufzend sprach er vor sich hin: Gott, Gott,ich habe vergessen, nach Frankfurt an Rothschild zu schreiben! Undmit ernstem Geschäftsgesicht, woraus aller parvdistischcr Scherz ver-schwunden schien, empfahl er sich kurzweg, ohne lange Cercmonien,und versprach, gegen Abend wiederzukommen.
Als er fort war und ich im Begriff stand, wie es in der Weltgebräuchlich ist, meine Glossen über eben den Mann zu machen, durchdessen Güte ich die angenehmste Bekanntschaft gewonnen, da fand ichzu meiner Verwunderung, daß alle ihn nicht genug zu rühmenwußten, und daß alle besonders seinen Enthusiasmus für das Schöne,sein adelig feines Betragen und seine Uneigennützigkeit in den iibcr-