82 Reisebilder II.
ein rührend närrisches Schauspiel, wie sich beide mit den Spitzenküßten und die zärtlichsten Dinge sagten — und dabei weinte dasteile Mädchen ergötzlich kichernde Thräncn, die aber dann und wannetwas unbewußt tiefer aus der Seele kamen, als die Rolle verlangte.Sie ließ auch im drolligen Schmcrzcnsübermut den Abbate Ceceoeine lange Rede halten, worin er die Schönheit der armen Franceskamit pedantischen Metaphern rühmte, und die Art, wie sie auch alsarme Franceska Antwort gab und ihre eigene Stimme in der Senti-mentalität einer früheren Zeit kopierte, hatte etwas Puppenspiel-wehmütiges, das mich wundersam bewegte. Adieu, Ceceo! Adieu,Franceska! war der beständige Refrain, die verliebten Füßchen wolltensich nicht verlassen — und ich war endlich froh, als ein unerbittlichesSchicksal sie voneinander trennte, indem süße Ahnung mir zuflüsterte,daß es für mich ein Mißgeschick wäre, wenn die beiden Liebendenbeständig vereint blieben.
Der Professor applaudierte mit possenhaft schwirrenden Guitnrren-töncn, Signora trillerte, das Hündchen bellte, der Marchese und ichklatschten in die Hände wie rasend, und Signor Franceska stand aufund verneigte sich dankbar. Es ist wirklich eine schöne Komödie,sprach sie zu mir, aber es ist schon lange her, seit sie zuerst aufgeführtworden, und ich selbst bin schon so alt — raten Sie mal, wie alt?
Sie erwartete jedoch keineswegs meine Antwort, sprach rasch:Achtzehn Jahr' — und drehte sich dabei wohl achtzehnmal auf eineinFuß herum, lind wie alt sind Sie, Dottvre?
Ich, Signora, bin in der Neujahrsnacht Achtzchnhnndert geboren.
Ich habe Ihnen ja schon gesagt, bemerkte der Marchese, es isteiner der ersten Männer unseres Jahrhunderts.
Und wie alt halten Sie mich? rief plötzlich Signora Lätizia,und ohne an ihr Evakostüm, das bis jetzt die Bettdecke verborgenhatte, zu denken, erhob sie sich bei dieser Frage so leidenschaftlich indie Höhe, daß nicht nur das rote Meer, sondern auch ganz Arabien,Syrien und Mesopotamien zum Vorschein kam.
Indem ich ob dieses gräßlichen Anblicks erschrocken zurückprallte,stammelte ich einige Redensarten über die Schwierigkeiten, eine solcheFrage zu lösen, indem ich ja Signora erst zur Hälfte gesehen hätte;doch da sie noch eifriger in mich drang, gestand ich ihr die Wahrheit,nämlich, daß ich das Verhältnis der italienischen Jahre zu dendeutschen Jahren noch nicht zu berechnen wisse.
Ist der Unterschied groß? frng Signora Lätizia.
Das versteht sich, antwortete ich ihr; da die Hitze alle Körperausdehnt, so sind die Jahre in dem warmen Italien viel länger alsin dein kalten Deutschland.
Der Marchese zog mich besser aus der Verlegenheit, indem ergalant behauptete, ihre Schönheit habe sich jetzt erst in der üppigsten