Die Bäder von Lucca. 81
hervorleuchteten, wenn Signora die silbernen Halsknöpfe ihres schwarz-seidenen Kleides enthäkelte — Lieber Leser! laß uns lieber empor-steigen zu der Schilderung des Gesichtes, wovon ich nachträglich nochzu berichten habe, daß es klar und blaßgelb wie Bernstein war, daßes von den schwarzen Haaren, die in glänzend glatten Ovalen dieSchläfe bedeckten, eine kindliche Rundung empfing, und von zweischwarzen plötzlichen Augen, wie von Zauberlicht beleuchtet wurde.
Du siehst, lieber Leser, daß ich dir gern eine gründliche Lokal-beschreibuug meines Glückes liefern möchte, und, wie andere Reisendeihren Werken noch besondere Karten von historisch wichtigen oder sonstmerkwürdigen Bezirken beifügen, so möchte ich Franceska in Kupferstechen lassen. Aber ach! was hilft die tote Kopie der äußeren Um-risse bei Formen, deren göttlichster Reiz in der lebendigen Bewegungbesteht. Selbst der beste Maler kann uns diesen nicht zur Anschauungbringen; denn die Malerei ist doch nur eine platte Lüge, Eher ver-möchte es der Bildhauer; durch wechselnde Beleuchtung können wirbei Statuen uns einigermaßen eine Bewegung der Formen denken,und die Fackel, die ihnen nur äußeres Licht zuwirft, scheint sie auchvon innen zu beleben. Ja, es giebt eine Statue, die dir, lieberLeser, einen marmornen Begriff von Franceskas Herrlichkeit zu gebenvermöchte, und das ist die Venns des großen Canova, die du ineinem der letzten Säle des Palazzo Pitti in Florenz finden kannst.Ich denke jetzt oft an diese Statue, zuweilen träumt mir, sie läge inmeinen Armen, und belebe sich allmählich und flüstere endlich mitder Stimme Franceskas, Der Ton dieser Stimme war es aber, derjedem ihrer Worte die lieblichste, unendlichste Bedeutung erteilte, undwollte ich dir ihre Worte mitteilen, so gäbe es bloß ein trockenesHerbarium von Blumen, die nur durch ihren Duft den größtenWert besaßen. Auch sprang sie oft in die Höhe und tanzte, währendsie sprach, und vielleicht war eben der Tanz ihre eigentliche Sprache.Mein Herz aber tanzte immer mit und exekutierte die schwierigstenPas und zeigte dabei so viel Tanztalent, wie ich ihm nie zugetrauthätte. In solcher Weise erzählte Franceska auch die Geschichte vondem Abbate Cecco, einem jungen Burschen, der in sie verliebt war,als sie noch im Arno-Thal Strohhüte strickte, und sie versicherte, daßich das Glück hätte, ihm ähnlich zu sehen. Dabei machte sie die zärt-lichsten Pantomimen, drückte ein übers andere Mal die Fingerspitzenans Herz, schien dann mit gehöhlter Hand die zärtlichsten Gefühlehervorzuschöpfen, warf sich endlich schwebend, mit voller Brust, aufsSofa, barg das Gesicht in die Kissen, streckte hinter sich ihre Füßein die Höhe und ließ sie wie hölzerne Puppen agieren. Der blaueFuß sollte den Abbate Cecco und der rote die arme Franceska vor-stellen, und indem sie ihre eigene Geschichte parodierte, ließ sie ihrebeiden verliebten Füße voneinander Abschied nehmen, und es war
Heiile's Werte, VI, Bd. 6