Die Bäder von Lncca.
Euch, ihr Musen der alten und der neuen Welt, euch sogar, ihrnoch unentdcckten Musen, die erst ein späteres Geschlecht verehrenwird, und die ich schon längst geahnt habe, im Walde und aus deinMeere, euch beschwör' ich, gebt mir Farben, wvmit ich das Wesenmale, das nächst der Tugend das Herrlichste ist auf dieser Welt.Die Tugend, das versteht sich von selbst, ist die erste von allenHerrlichkeiten, der Weltschöpfer schmückte sie mit so vielen Reizen, daßes schien, als ob er nicht ebenso Herrliches mehr hervorbringen könne;da aber nahm er noch einmal alle seine Kräfte zusammen, und ineiner guten Stunde schuf er Signora Franceska, die schöne Tänzerin,das größte Meisterstück, das er nach Erschaffung der Tugend hervor-gebracht, und wobei er sich nicht im mindesten wiederholt hat wieirdische Meister, bei deren späteren Werken die Reize der früherenwieder geborgtcrweise zum Vorschein kommen — Nein, SignoraFranceska ist ganz Original, sie hat nicht die mindeste Ähnlichkeitmit der Tugend, und es giebt Kenner, die sie für ebenso herrlichhalten, und der Tugend, die früher erschaffen worden, nur den Vor-rang der Anciennität zuerkennen. Aber ist das ein großer Mangel,wenn eine Tänzerin einige sechstausend Jahre zu jung ist?
Ach, ich sehe sie wieder, wie sie aus der aufgcstvßenen Thnrebis zur Mitte des Zimmers hervorspringt, in demselben Momentesich nnzähligemal auf einem Fuße herumdreht, sich dann der Längenach aus das Sofa hinwirft, sich die Augen mit beiden Händen ver-deckt hält, und atemlos ausruft: Ach, ich bin so müde vom Schlafen!Nun naht sich der Marchese und hält eine lange Rede in seinerironisch breit ehrerbietigen Manier, die mit seinem knrzabbrcchendenWesen bei praktischen Geschäftserinncrungeu und mit seiner fadenZerflossenheit bei sentimentaler Anregung gar rätselhaft kontrastierte.Dennoch war diese Manier nicht unnatürlich, sie hatte sich vielleichtdadurch natürlich in ihm ausgebildet, daß es ihm an Kühnheit fehlte,jene Obmacht, wozu er sich durch Geld und Geist berechtigt glaubte,unumwunden kund zu geben, weshalb er sie fcigerweise in die Worteder übertriebensten Demut zu Verkappen suchte. Sein breite? Lächelnbei solchen Gelegenheiten hatte etwas unangenehm Ergößlichcs, undman wußte nicht, ob man ihm Prügel oder Beifall zollen sollte.In solcher Weise hielt er seine Morgenrede vor Signora Franceska,die, noch halb schläfrig, ihn kaum anhörte; und als er zum Schlußum die Erlaubnis bat, ihr die Füße, wenigstens den linken Fußküssen zu dürfen, und zu diesem Geschäfte mit großer Sorgfalt seingelbseidenes Taschentuch über den Fußboden ausbreitete und daraufniederkniete, streckte sie ihm gleichgültig den linken Fuß entgegen,der in einem allerliebsten roten Schuh steckte, im Gcgensaß zu demrechten Fuße, der einen blauen Schuh trug, eine drollige Koketterie,wodurch die zarte niedliche Form der Füße noch merklicher werden
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