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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
Seite
59
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Reise von München nach Genna.

schöner Bube, und ich küßte ihm die klugen Augen, und da dieMutter ihm keine rechte Antwort geben konnte, so sagte ich ihm, daßjetzt die Menschen ganz etwas anderes zn thnn hätten.

Unfern von Genna, ans der Spitze der Apcnninen, sieht mandas Meer, zwischen den grünen GcbirgSgipfeln kommt die blane Flutzum Vorschein, und Schiffe, die man hier und da erblickt, scheinenmit vollen Segeln über die Berge zu fahren. Hat man aber diesenAnblick zur Zeit der Dämmerung, wo die letzten Sonnenlichter mitden ersten Abcndschatten ihr wunderliches Spiel beginnen, und alleFarben und Formen sich nebelhaft verweben' dann wird einemordentlich märchenhaft zu Mute, der Wagen rasselt bergab, die schläfrigsüßesten Bilder der Seele werden aufgerüttelt und nicken wieder ein,und es träumt einem endlich, man sei in Genna.

Diese Stadt ist alt ohne Nltcrtiimlichkcit, eng ohne Traulichkcit,und häßlich über alle Maßen. Sie ist ans einem Felsen gebaut, amFuße von amphithcatralischen Bergen, die den schönsten Meerbusengleichsam umarmen. Die Gennescr erhielten daher von der Naturden besten und sichersten Hafen. Da, wie gesagt, die ganze Stadtans einem einzigen Felsen steht, so mußten, der Raumersparniswegen, die Hänser sehr hoch und die Straßen sehr eng gebaut werden,so daß diese fast alle dunkel sind, und nur ans zweien derselben einWagen fahren kann. Aber die Häuser dienen hier den Einwohnern,die meistens Kanflcute sind, fast nur zu Warenlagern, und dcSNachts zu Schlafstellen; den schachernden Tag über laufen sie umherin der Stadt oder sitzen vor ihrer Hansthüre, oder vielmehr in derHanSthüre, denn sonst würden sich die Gcgenüberwohncnden einandermit den Knicen berühren.

Von der Seeseite, besonders gegen Abend, gewährt die Stadteine» besseren Anblick. Da liegt sie am Meere wie das gebleichteSkelett eines ausgeworfenen Riesentiers, dunkle Nmciscn, die sichGcnneser nennen, kriechen darin herum, die blauen MeereSweilenbespülen es plätschernd wie ei» Ammcnlicd, der Mond, das blasseAuge der Nacht, schaut mit Wehmut daraus hinab.

Im Garten des Palnzzv Dorm steht der aite Sceheld als Neptunin einem großen Wasscrbassin. Aber die Statue ist verwittert undverstümmelt, das Wasser ausgetrocknet, und die Möwen nisten inden schwarzen Cyprcssen. Wie ein Knabe, der immer seine Komödienim Kopf hat, dachte ich bei dem Namen Dorla gleich an FriedrichSchiller, den edelsten, wenn auch nicht größten Dichter der Deutschen.

Obgleich meistens in Verfall, sind die Paläste der ehemaligenMachthaber von Genna, der Nobili, dennoch sehr schön, und mitPracht überladen. Sie stehen meistens ans den zwei großen Straßen,