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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
Seite
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L8 Reisebilder 71.

hervorstrahlt! Die Glut des Sonnenaufgangs wird nnscrc Wangennicht mehr röten nnd unsere Herzen nicht mehr wärmen können, wirsterben dahin wie der scheidende Mond allzukurz gemessen ist desMenschen Wnnderbahn, an deren Ende daS unerbittliche Grab.

Ich weiß wirklich nicht, ob ich es verdiene, daß man mir einstmit einein Lorbeerkränze den Sarg verziere. Die Poesie, wie sehrich sie auch liebte, war immer nur heiliges Spielzeug, oder geweihtesMittel für himmlische Zwecke. Ich habe nie großen Wert gelegt ansDichtcrrnhm, nnd ob man meine Lieder preist oder tadelt, es kümmertmich wenig. Aber ein Schwert sollt ihr mir auf den Sarg legen;denn ich war ein braver Soldat im Befreiungskriege der Menschheit.

Kapitel XXXII.

Während der Mittagshitzc suchten wir Obdach in einem Franzis-kancrkloster, das ans einer bedeutenden Anhöhe lag, nnd mit seinendüsteren Cypresscn nnd weißen Mönchen wie ein Jagdschloß desGlaubens hinab schaute in die heiter grünen Thnlcr des Apennins.Es war ein schöner Banc wie ich denn, außer der Kartbausc zuMonza, die ich nur von außen sah, noch sehr merkwürdigen Klösternnnd Kirchen vorbeigekommen bin. Ich wußte oft nicht, sollte ichmehr die Schönheit der Gegend bewundern, oder die Größe der altenKirchen, oder die ebenso große, stcinfeste Gesinnung ihrer Erbauer,die wohl voraussehen konnten, daß erst späte Urenkel imstande seinwürden, solch ein Bauwerk zu vollenden, und die dessenungeachtetganz ruhig den Grundstein legten und Stein auf Stein trugen, bisder Tod sie von der Arbeit abrief, nnd andere Baumeister das Werkfortsetzten nnd sich nachher ebenfalls zur Ruhe begaben alle imfesten Glauben an die Ewigkeit der katholischen Religion nnd imfesten Vertrauen auf die gleiche Denkweise der folgenden Geschlechter,die weiter bauen würden, wo die Vorfahren aufgehört.

Es war der Glaube der Zeit, und die alten Baumeister lebtenund entschliefen in diesem Glauben. Da liegen sie nun vor denThürcn jener alten Kirchen, und es ist zu wünschen, daß ihr Schlafrecht fest sei, nnd das Lachen der neuen Zeit sie nicht erwecke. Ab-sonderlich für solche, die vor einem von den alten Domen liegen, dienicht fertig geworden sind, für solche wäre es sehr schlimm, wennsie des Nachts plötzlich erwachten, und im schmerzlichsten Mondscheinihr unvollendetes Tagewerk sähen, nnd bald merkten, daß die Zeitdes Weiterbauens aufgehört hat, nnd daß ihr ganzes Leben nutzloswar nnd dumm.

So spricht die jetzige neue Zeit, die eine andere Aufgabe hat,einen andern Glauben.

Ich hörte einst in Köln, wie ein kleiner Bube seine Mutterfrng, warum man die halben Dome nicht fertig baue. Es war ein