Reise von München nach Genna. 57
hat nicht ihre Wurzel im Feudalismus und KlerikaliSiuuS, sie ist derAdel- und Kirchcngewalt direkt entgcgcnstrebcnd; schau Katharina hatdie Kirche eingeschränkt, und der russische Adel entsteht durch Staats-dienste; Rußland ist ein demokratischer Staat, und ich mächte es so-gar einen christlichen Staat nennen, wenn ich dieses oft mißbrauchteWort in seinem süßesten, weltbürgcrlichsten Sinne anwenden wollte;denn die Russen werden schon durch den kimfang ihres Reichs vonder Engherzigkeit eines heidnischen Nativnalsinnes befreit, sie sindKosmopoliten oder wenigstens Sechstel-Kosmopoliten, da Nußlandfast den sechsten Teil der bewohnten Welt ausmacht. —
Und wahrlich, wenn irgend ein Dentschrnsse, wie mein livländi-sche r Reisegefährte, prahlerisch patriotisch thut, und von unserem Nuß-land und unserem Dicbitsch spricht, so ist mir, als hörte ich einenHering, der das Weltmeer für sein Vaterland und den Walfisch fürseinen Landsmann ausgicbt.
Kapitel xxxi.
Ich bin gut russisch — sagte ich ans dem Schlachtfclde vonMarengo, und stieg für einige Minute» aus dem Wagen, um meineMorgenandacht zu halten.
Wie unter einem Trinmphbogcu von kolossalen Wvlkenmassenzog di e Sonne herauf, siegreich, heiter, sicher, einen schönen Tag ver-heißend. Mir aber ward zu Mute wie dem armen Blonde, der ver-bleichend noch am Himmel stand. Er hatte seine einsame Laufbahndurchwandelt, in öder Nachtzeit, wo das Glück schlief und nur Ge-spenster, Eulen und Sünder ihr Wesen trieben; und jetzt, wo derjunge Tag hervorstieg mit jubelnden Strahlen und flatterndemMorgenrot, jetzt mußte er von bannen — noch ein wehmütiger Blicknach dem großen Weltlicht, und er verschwand wie duftiger Nebel.
ES wird ein schöner Tag werden, rief mein Reisegefährte ausdem Wagen mir zu. Ja, es wird ein schöner Tag werden, wieder-holte leise mein bctcndcS Herz, und zitterte vor Wehmut und Freude.Ja, es wird ein schöner Tag werden, die Freiheitssvnuc wird dieErde glücklicher wärmen, als die Aristokratie sämtlicher Sterne; em-porblüheu wird ein neues Geschlecht, das erzeugt worden in freierWahlumarmung, nicht im Zwangsbette und unter der Kontrollegeistlicher Zöllner; mit der freien Geburt werden auch in den Men-schen freie Gedanken und Gefühle zur Welt kommen, wovon wir ge-borenen Knechte keine Ahnung haben — O! sie werden ebensowenigahnen, wie entsetzlich die Nacht war, in deren Dunkel wir lebenmußten, und wie grauenhaft wir zu kämpfen hatten, mit häßlichenGespenstern, dumpfen Eriken und scheinheiligen Sündern! O wirarmen Kämpfer, die wir unsere Lebenszeit in solchem Kampfe ver-geuden mußten, und müde und bleich sind, wenn der Siegestag