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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
Seite
50
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Ig Reisebildcr II.

Achsel. Ach! seufzte er hinzu, Italien sitzt elegisch träumend aufseinen Ruinen, und wenn es dann manchmal bei der Melodie einesLiedes plötzlich erwacht und stürmisch cmporspringt, sv gilt diese Be-geisterung nicht dem. Liede selbst, sondern vielmehr den alten Er-innerungen und Gefühlen, die das Lied ebenfalls geweckt hat, dieItalien immer im Herzen trug und die jetzt gewaltig hervorbrausen,— und das ist die Bedeutung des tollen Lärms, den Sie in derScaln gehört haben.

Vielleicht gewährt dieses Bekenntnis auch einigen Aufschluß überden Enthusiasmus, den jenseits der Alpen Rossinis oder MeherbeersOpern überall hervorbringen. Habe ich jemals menschliche Rasereigesehen, so war es bei einer Aufführung des Lüoaiaüo inwenn die Mnsik manchmal aus dem weichen, wehmütigen Ton plötz-lich in jauchzenden Schmerz übersprang. Jene Raserei heißt inItalien: kurors.

Kapitel xxvm.

Obgleich ich, lieber Leser, jetzt schon Gelegenheit hätte, bei Er-wähnung der Brera und Ambrvsiana dir meine Knusturteile aufzu-tischen, so will ich doch diesen Kelch an dir vorübergehen lassen, undmich mit der Bemerkung begnügen, daß ich das spitze Kinn, das denBildern der lvmbardischcn Schule einen Anstrich von Sentimentalitätgicbt, anch ans den Straßen von Mailand bei mancher schönenLombardin gesehen habe.

Es war mir immer außerordentlich belehrend, wenn ich mit denWer ken eitler Schule auch die Originale vergleichen konnte, die ihrals Modelle gedient haben: der Charakter der Schule kam mir dannklarer zur Anschauung. So ist mir auf dem Jahrmarkt zu Rotter-dam. der Jan Steen in seiner göttlichsten Heiterkeit plötzlich verständ-lich geworden; so habe ich späterhin am Long-Arno die Formen-wahrheit und den tüchtigen Geist der Florentiner, und auf dem SanMarco die Farbenwahrheit und die träumerische Oberflächlichkeit derVcuctinner begreifen lernen. Geh nach Rom, liebe Seele, und viel-leicht schwingst dll dich dort hinauf zur Anschauung der Idealitätund zum Verständnis des Raphael.

Indessen, eine Merkwürdigkeit Mailands, die in jeder Hinsichtdie größte ist, kann ich nicht unerwähnt lassen — das ist der Dom.

In der Ferne scheint es, als sei er aus weißem Postpapier ge-schni tzelt, und in der Nähe erschrickt man, daß dieses Schnitzwerk ausunwiderlegbarem Marmor besteht. Die unzähligen Heiligenbilder, diedas ganze Gebäude bedecken, die überall unter den gotischen Kron-dächlein hervorgucken, und oben auf allen Spitzen gepflanzt stehen,dieses steinerne Volk verwirrt einem fast die Sinne. Betrachtet maudas ganze Werk etwas länger, so findet man es doch recht hübsch,