Reise von München nach Genua. öl
kolossal niedlich, ein Spielzeug für Riesenkinder. Im mitternächtlichenMondschein gewährt es noch den besten Anblick, dann kommen all dieweißen Steinmcnschen ans ihrer wimmelnden Höhe herabgestiegen,und gehen mit einem über die Piazza, und flüstern einem alte Ge-schichten ins Ohr, Putzig heilige, ganz geheime Geschichten von Ga-lcazzo Visconti, der den Dvmbau begonnen, und von NapoleonBonaparte, der ihn späterhin fortgesetzt.
Siehst du — sagte mir ein gar seltsamer Heiliger, der in derneuesten Zeit ans dem neuesten Marmor gefertigt war, — siehst du,meine älteren Kameraden können nicht begreifen, warum der KaiserNapoleon den Dombau so eifrig betrieben hat. Aber ich weiß essehr gut, er hat eingesehen, daß dieses große Steinhaus auf jedenFall ein sehr nützliches Gebäude sein würde, und auch dann nochbranchbar, wenn einst das Christentum vorüber ist.
Wenn einst das Christentum vorüber ist — Ich war schier er-schrocken, als ich hörte, daß es Heilige in Italien giebt, die einesolche Sprache führen, und dazu ans einem Platze, wo österreichischeSchildwachen, mit Bärenmützen und Tornistern, ans und ab gehen.Indessen, der steinerne Kauz hat gewissermaßen recht, das Inneredes Domes ist hübsch kühl im Sommer, und heiter und angenehm,und würde auch bei veränderter Bestimmung seinen Wert behalten.
Die Nollcndung des Domes war einer von Napoleons Licblings-gcdankcn, und er war nicht weit vom Ziele entfernt, als seine Herr-schaft gebrochen wurde. Die Österreicher vollenden jetzt das Werk.Auch an dem berühmten Triumphbogen, der die Simplvnstraßc be-schließen sollte, wird weiter gebaut. Freilich, Napoleons Standbildwird nicht, wie früher bestimmt war, ans die Spitze jenes Bogens ge-stellt werden. Immerhin, der große Kaiser hat ein Standbild hinter-lassen, das viel besser ist und dauerhafter als Marmor, und daskein Österreicher unseren Blicken entziehen kann. Wenn wir andernlängst von der Sense der Zeit niedergemäht und wie Spreu desFeldes verweht sein werden, wird jenes Standbild noch unversehrtdastehen; neue Geschlechter werden aus der Erde hervorwachsen, wer-den schwindelnd an jenes Bild hinaufsehen, und sich wieder in dieErde legen: — und die Zeit, unfähig solch ein Bild zu zerstören,wird cS in sagenhafte Nebel zu hüllen suchen, und seine ungeheureGeschichte wird endlich ein Mythos.
Vielleicht nach Jahrlnnscnden wird ein spitzfindiger Schulmeisterin einer grundgelehrten Dissertation unumstößlich beweisen, daß derNapoleon Bonnparte ganz identisch sei mit jenem andern Titanen,der den Göttern das Licht raubte und für dieses Bergeheu auf einemeinsamen Felsen mitten im Meere angeschmiedet wurde, preisgegebeneinem Geier, der täglich sein Herz zerfleischte.