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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
Seite
49
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Ncise von Mülichcn nach Genna. 49

Beschuldige mich nicht der Anglomauie, lieber Leser, wenn ichin diesem Buche sehr häufig von Engländern spreche; sie sind jetztin Italien zn zahlreich, um sie übersehen zu können, sie durchziehendieses Land in ganzen Schwärmen, lagern in allen Wirtshäusern,laufen überall umher, um alles zu sehen, und man kann sich keinenitalienischen Citronenbanm mehr denken, ohne eine Engländerin, diedaran riecht, und keine Galerie vhne ein Schock Engländer, die mitihrem Guide in der Hand darin umherrennen, und nachsehen, obnoch alles vorhanden, waS in dem Buche als merkwürdig erwähnt ist.Wenn man jenes blonde, rotbäckige Volk mit seinen blanken Kutschen,bunten Lakaien, wiehernden Rennpferden, grünverschleierten Kammer-juugfern und sonstig kostbaren Geschirren neugierig und geputzt überdie Alpen ziehen und Italien durchwandern sieht, glaubt mau eineelegante Völkerwanderung zu sehen. Und in der That, der SohnAlbions, obgleich er weiße Wäsche trägt und alles bar bezahlt, istdoch ein civilisierter Barbar in Vergleichnng mit dem Italiener, dervielmehr eine in Barbarei übergehende Civilisation bekundet. Jeuerzeigt in seinen Sitten eine zurückgehaltene Roheit, dieser eine aus-gelassene Feinheit. Und gar die blassen italienischen Gesichter, in denÄugen das leidende Weiß, die Lippen krankhaft zärtlich, wie heimlichvornehm sind sie gegen die steif britischen Gesichter mit ihrer pöbel-haft roten Gesundheit! Das ganze italienische Volk ist innerlich krank,und kranke Menschen sind immer wahrhaft vornehmer als gesunde;denn nur der kranke Mensch ist ein Mensch, seine Glieder haben eineLeidensgeschichte, sie sind durchgeistet. Ich glaube sogar, durchLeidensknmpfe könnten die Tiere zu Menschen werden; ich habe maleinen sterbenden Hund gesehen, der in seinen Todesqualerl mich fastmenschlich ansah.

Der leidende Gesichtsausdruck wird bei den Italienern am sicht-barsten, wenn man mit ihnen vom Unglück ihres Vaterlandes spricht,und dazu giebt's in Mailand genug Geügenheit. Das ist die schmerz-lichste Wunde in der Brust der Italiener, und sie zucken zusammen,sobald man diese nur leise berührt. Sie haben alsdann eine Be-wegung der Achsel, die uns mit sonderbarem Mitleid erfüllt. Einermeiner Briten hielt die Italiener für politisch indifferent, weil siegleichgültig zuzuhören schienen, wenn wir Fremde über die katholischeEmancipation und den Türkenkrieg politisierten; und er war unge-recht genug, gegen einen blassen Italiener mit pechschwarzem Bartesich darüber spöttisch zu äußern. Wir hatten den Abend vorher eineneue Oper in der Scala aufführeil sehen und den Mvrdspektakel ge-hört, der, wie gebräuchlich, bei solchen Anlässen stattfindet. IhrItaliener, sagt der Brite zu dein Blassen, scheint für alles abgestorbenzu sein, außer für Musik, und nur noch diese vermag euch zu be-geistern. Sie thun unS unrecht, sagt der Blasse und bewegte dieHeiue's Werke. VI. Bd. 4