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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
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48 Reisebilder II.

klaren blauen See, worin die Sonne und ein magerer Grenadier sichspiegelten. Letzterer, ein österreichischer Narciß, bewunderte mit kin-discher Freude, wie sein Spiegelbild ihm alles getreu nachmachte, wenner das Gewehr präsentierte oder schulterte, oder zum Schießen auslegte.

Von Brescia selbst iveiß ich ebenfalls wenig zu erzählen, indemich die Zeit meines dortigen Aufenthalts dazu benutzte, ein gutesPranzo einzunehmen. Man kann es einem armen Reisenden nichtoerdenken, wenn er den Hunger des Leibes früher stillt als den desGeistes. Doch war ich gewissenhaft genug, ehe ich wieder in denWagen stieg, einige Notizen über Brescia vom Cameriere zu er-fragen, und da erfuhr ich unter anderem, die Stadt habe 4lU1W Ein-wohner, ein Rathaus, 21 Kaffeehäuser, 2l> katholische Kirchen, einTollhaus, eine Synagoge, eine Menagerie, ein Zuchthaus, einKrankenhaus, ein ebenso gutes Theater, und einen Galgen für Diebe,die unter IWtM Thaler stehlen.

lim Mitternacht arrivierte ich in Mailand und kehrte ein beiHerrn Reichmann, einem Deutschen, der sein Hotel ganz nach deutscherWeise eingerichtet. Es sei das beste Wirtshaus in ganz Italien,sagten mir einige Bekannte, die ich dort wiederfand, und die überitalienische Gastwirte und Flohe sehr schlecht zu sprechen waren. Dahörte ich nichts als ärgerliche Histörchen von italienischen Prellereien,und besonders Sir William fluchte und versicherte, wenn Europa derKopf der Welt sei, so sei Italien das Diebesorgan dieses Kopfes.Der arme Baronet hat in der Locanda Croce bianca zu Padua nichtweniger als zwölf Frank für ein mageres Frühstück bezahlen müssen,und zu Vicenza hat ihm jemand ein Trinkgeld abgefordert, als erihm einen Handschuh aufhob, den er beim Einsteigen in den Wagenfallen lassen. Sein Vetter Tom sagte, alle Italiener seien Spitz-buben bis auf den einzigen Umstand, daß sie nicht stehlen. Hätteer liebenswürdiger ausgesehen, so würde er auch die Bemerkung ge-macht haben, daß alle Italienerinnen Spitzbübinnen sind. Der dritteim Bunde war ein Mister Liver, den ich in Brighton als ein jungesKalb verlassen hatte, und jetzt in Mailand als einen dosnö ä In rnoUswiederfand. Er war ganz als Dandy gekleidet, und ich habe nieeinen Menschen gesehen, der es besser verstanden hätte, mit seinerFigur lauter Ecken hervorzubringen. Wenn er die Daumen in dieÄrmelausschnitte der Weste einkrempte, machte er auch mit der Hand-wurzel und mit jedem Finger einige Ecken; ja sein Maul war sogarviereckig aufgesperrt. Dazu kommt ein eckiger Kopf, hinten schmal,oben spitz, mit kurzer Stirn und sehr langem Kinn. Unter denenglischen Bekannten, die ich in Mailand wiedersah, war auch Liversdicke Tante; gleich einer Fettlawine war sie von den Alpen herab-gekvmmen, in Gesellschaft zweier schneeweißen, schneekalten Schnee-gänschen, Miß Pvlly und Miß Mvlly.