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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
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Reise von München nach Genna.

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den Kaffeebuden, und schlürft Sorbett und Abendkühle und Musik.Da läßt sich gut sitzen, daS träumende Herz wiegt sich auf süßenTönen und erklingt im Wicderhall. Manchmal, wie schlaftrunken,taumelt es auf, wenn die Trompeten erschallen, und es stimmt einmit vollem Orchester. Dann ist der Geist wieder sonnig ermuntert,großblumige Gefühle und Erinnerungen mit tiefen schwarzen Augenblühen hervor, und drüber hin ziehen die Gedanken, wie Wolkenzüge,stolz und langsam und ewig.

Ich wandelte noch bis spät nach Mitternacht durch die StraßenVeronas, die allmählich menschenleer wurden und wunderbar wieder-halltcn. Im halben Mondlichte dämmerten die Gebäude und ihreBildwerke, und bleich und schmerzhaft sah mich an manch marmornesGesicht. Ich eilte schnell den Grabmälern der Scaliger vorüber;denn mir schien, als wolle Cnn Grande, artig wie er immer gegenDichter war, von seinem Rosse herabsteigen und mich als Wegweiserbegleiten. Bleib du nur sitzen, rief ich ihm zu, ich bedarf deinernicht, mein Herz ist der beste Cicerone und erzählt mir überall dieGeschichten, die in den Häusern passiert sind, und bis auf Namenund Jahreszahl erzählt es sie treu genug.

Als ich an den römischen Triumphbogen kam, huschte eben einschwarzer Mönch hindurch, und fernher erscholl ein deutsch brummendes:Wer da? Gut Freund! greinte ein vergnügter Diskant.

Welchem Weibe aber gehörte die Stimme, die mir so süß un-heimlich in die Seele drang, als ich über die Scala Ammazzati stieg?Es war Gesang wie aus der Brust einer sterbenden Nachtigall, tod-zärtlich, und wie hilferufcnd an den steinernen Häusern wiederhallend.Aus dieser Stelle hat Antonio della Seala seinen Bruder Bartolomenumgebracht, als dieser eben zur Geliebten gehen wollte. Mein Herzsagte mir, sie säße noch immer in ihrer Kammer, und erwarte denGeliebten, und sänge nur, nur ihre ahnende Angst zu überstimmen.Aber bald schienen mir Lied und Stimme so wohlbekannt, ich hattediese seidenen, schaurigen, verblutenden Töne schon früher gehört, sieumstrickten mich wie weiche, flehende Erinnerungen, und — O dudummes Herz, sprach ich zu mir selber, kennst du denn nicht mehrdas Lied vom kranken Mvhrenkönig, das die tote Maria so oft ge-sungen? Und die Stimme selbst — kennst du denn nicht mehr dieStimme der toten Maria?

Die langen Töne verfolgten mich durch alle Straßen, bis zumGasthof Due Torre, bis ins Schlafgemach, bis in den Traum — Undda sah ich wieder mein süßes gestorbenes Leben schön und regungslosliegen, die alte Waschfrau entfernte sich wieder mit rätselhaftem Seiten-blick, die Nachtviole duftete, ich küßte wieder die lieblichen Lippen, unddie holde Leiche erhob sich langsam, um mir den Gegcnkuh zu bieten.

Wüßte ich nur, wer das Licht ausgelöscht hat!

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