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Reiscbilder II.
Knpitcl XXVI.
„Kennst du das Land, wo die Citroncn blühn?"
Kennst du das Lied? Ganz Italien ist darin geschildert, abermit den seufzenden Farben der Sehnsucht. In der italienischen Reisehat es Goethe etwas ausführlicher besungen, und wo er malt, hat erdas Original immer vor Augen, und man kann sich auf die Treueder Umrisse und der Farbengebung ganz verlassen. Ich finde esdaher bequem, hier ein für allemal auf Goethes italienische Reisehinzudeuten, um so mehr, da er bis Verona dieselbe Tour, durchTirol, gemacht hat. Ich habe schon frühcrhinch über jenes Buch ge-sprochen, ehe ich den Stoff, den es behandelt, gekannt habe, und ichfinde jetzt mein ahnendes Urteil vollauf bestätigt. Wir schauen nämlich darin überall thatsächliche Auffassung und die Ruhe der Natur.Goethe hält ihr den Spiegel vor, oder, besser gesagt, er ist selbst derSpiegel der Natur. Die Natur wollte wissen, wie sie aussieht, undsie erschuf Goethe. Sogar die Gedanken, die Intentionen der Naturvermag er uns wiedcrzuspicgeln, und es ist einem hitzigen Goetheancr,znmnl in den Hundstagen, nicht zu verargen, wenn er über dieIdentität der Spiegelbilder mit den Objekten selbst so sehr erstaunt,daß er dem Spiegel sogar Schöpfungskraft, die Kraft, ähnliche Ob-jekte zu erschaffen, zutraut. Ein Herr Eckcrmann hat mal ein Buchüber Goethe geschrieben, worin er ganz ernsthaft versichert: Hätte derliebe Gott bei Erschaffung der Welt zu Goethe gesagt: „Lieber Goethe,ich bin jetzt gottlob! fertig, ich habe jetzt alles erschaffen bis auf dieVögel und die Bäume, und du thätest mir eine Liebe, wenn du stattmeiner diese Bagatellen noch erschaffen wolltest" — so würde Goethe,ebensogut wie der liebe Gott, diese Tiere und Gewächse ganz imGeiste der übrigen Schöpfung, nämlich die Vögel mit Federn, unddie Bäume grün, erschaffen haben.
Es liegt Wahrheit in diesen Worten, und ich bin sogar der Mei-nung, daß Goethe manchmal seine Sache noch besser gemacht hätte,als der liebe Gott selbst, und daß er z. B. den Herrn Eckermannviel richtiger, ebenfalls mit Federn und grün, erschaffen hätte. Es istwirklich ein Schöpfungsfehler, daß auf dem Kopfe des Herrn Ecker-mann keine grünen Federn wachsen, und Goethe hat diesem Mangelwenigstens dadurch abzuhelfen gesucht, daß er ihm einen Doktorhutaus Jena verschrieben und eigenhändig aufgesetzt hat.
Nächst Goethes italienischer Reise ist Frau von Morgans „Ita-lien" und Frau von Stasls „Corinna" zu empfehlen. Was diesenFrauen an Talent fehlt, um neben Goethe nicht unbedeutend zu er-scheinen, das ersetzen sie durch männliche Gesinnungen, die jenem
*) Im ersten Band der „Reisebilder".