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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
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Reise von München nach Genua. 48

gebaut, dessen Schönheit in der vollendeten Solidität besteht und,wie alle öffentlichen Gebäude der Römer, eincu Geist ausspricht, dernichts anderes ist, als der Geist von Rom selbst. Und Rom? Werist so gesund unwissend, daß nicht heimlich bei diesem Namen seinHerz erbebte, und nicht wenigstens eine traditionelle Furcht seineDenkkraft aufrüttelte? Was mich betrifft, so gestehe ich, daß meinGefühl mehr Angst als Freude enthielt, wenn ich daran dachte, baldumherznwandeln auf dem Boden der alten Roma. Die alte Romaist ja jetzt tot, beschwichtigte ich die zagende Seele, und du hast dieFreude, ihre schöne Leiche ganz ohne Gefahr zu betrachten. Aberdann stieg wieder das Falstaffsche Bedenken in mir auf: Wenn sieaber noch nicht ganz tot wäre und sich nur verstellt hätte, und siestände plötzlich wieder auf — es wäre entsetzlich!

Als ich daS Amphitheater besuchte, wurde just Komödie daringespielt; eine kleine Holzbude war nämlich in der Mitte errichtet,darauf ward eine italienische Posse aufgeführt, und die Zuschauersaßen unter freiem Himmel, teils auf kleinen Stühlchen, teils aufden hohen Steinbänken des alten Amphitheaters. Da saß ich nunund sah Brighellas und Tartaglias Spiegelfechtereien auf derselbenStelle, wo der Römer einst saß und seinen Gladiatoren und Tier-hetzen zusah. Der Himmel über mir, die blaue Krystallschale, warnoch derselbe wie damals. Es dunkelte allmählich, die Sterne schim-merten hervor. Truffaldino lachte, Smeraldina jammerte, endlichkam Pantalvne und legte ihre Hände ineinander. Das Volk klatschteBeifall und zog jubelnd von dannen. Das ganze Spiel hatte keinenTropfen Blut gekostet. Es war aber nur ein Spiel. Die Spieleder Römer hingegen waren keine Spiele, diese Männer konnten sichnimmermehr am bloßen Schein ergötzen, es fehlte ihnen dazu diekindliche Seclenheiterkcit, und, ernsthaft wie sie waren, zeigte sich auchin ihren Spielen der barste, blutigste Ernst. Sie waren keine großenMenschen, aber durch ihre Stellung waren sie größer als andereErdcnkindcr, denn sie standen auf Rom. So wie sie von den siebenHügeln herabstiegen, waren sie klein. Daher die Kleinlichkeit, diewir da entdecken, wo ihr Privatleben sich ausspricht; und Herkulanumund Pompeji, jene Palimpscsten der Natur, wo jetzt wieder der alteSteintext hervorgegraben wird, zeigen dem Reisenden das römischePrivatleben in kleinen Häuschen mit winzigen Stübchen, welche soauffallend kontrastieren gegen jene kolossalen Bauwerke, die dasöffentliche Leben aussprachen, jene Theater, Wasserleitungen, Brunnen,Landstraßen, Brücken, deren Ruinen noch jetzt unser Staunen er-regen. Aber das ist es ja eben; wie der Grieche groß ist durch dieIdee der Kunst, der Hebräer durch die Idee eines heiligsten GottcS,so sind die Römer groß durch die Idee ihrer ewigen Roma, großüberall, wo sie in der Begeisterung dieser Idee gefochten, geschrieben