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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
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Reise von München nach Genna. 41

auch hinreichend war, da diese Trümmer noch deutlicher sprechen alszierliche Buchstaben. Die Barbaren, welche jetzt die alte Herbergebezogen haben, werden nicht ermangeln, eben solche Denkmäler ihrerholden Gegenwart zu hinterlassen, da es ihnen an Bildhauern undDichtern fehlt, nur sich durch mildere Mittel im Andenken derMenschen zu erhalten.

Ich blieb nur einen Tag in Verona, in beständiger Verwunde-rung ob des nie Gesehenen, anstarrend jetzt die altertümlichen Ge-bäude, dann die Menschen, die in geheimnisvoller Hast dazwischenwimmelten, und endlich wieder den gottblauen Himmel, der das selt-same Ganze wie ein kostbarer Rahmen umschloß und dadurch gleich-sam zu einem Gemälde erhob. Es ist aber eigen, wenn man indem Gemälde, das man eben betrachtet hat, selbst steckt, und hie undda von den Figuren desselben angelächelt wird,, und gar von denweiblichen, wie's mir auf der Piazza belle Erbe so lieblich geschah.Das ist nämlich der Gemüsemarkt, und da gab es vollauf ergötzlicheGestalten, Frauen und Mädchen, schmachtend großäugige Gesichter,süße wohnliche Leiber, reizend gelb, naiv schmutzig, geschaffen vielmehrfür die Nacht als für den Tag. Der weiße oder schwarze Schleier,den die Stadtfrauen auf dem Haupte tragen, war so listig um denBusen geschlagen, daß er die schönen Formen mehr verriet als ver-barg. Die Mägde trugen Chignons, durchstochen mit einem odermehreren goldenen Pfeilen, auch wohl mit einem eichelköpfigen Silber-stäbchen. Die Bäuerinnen hatten meist kleine tellerartige Strvh-hütchen mit kokettierenden Blumen an die eine Seite des Kopfes ge-bunden. Die Tracht der Männer war minder abweichend von dernnsrigen, und nur die Ungeheuern schwarzen Backenbärte, die ausder Krawatte hervorbuschtcn, waren mir hier, wo ich diese Mode zu-erst bemerkte, etwas auffallend.

Betrachtete man aber genauer diese Menschen, die Männer wiedie Frauen, so entdeckte man in ihren Gesichtern und in ihremganzen Wesen die Spuren einer Civilisation, die sich von der nnsrigeninsofern unterscheidet, daß sie nicht aus der Mittelalter-Barbareihervorgegangen, sondern noch aus der Nömerzeit herrührt, nie ganzvertilgt worden ist, und sich nur nach dem jedesmaligen Charakterder Landesherrscher modifiziert hat. Die Civilisation hat bei diesenMenschen keine so auffallend neue Politur wie bei uns, wo dieEichenstämme erst gestern gehobelt worden sind, und alles noch nachFirnis riecht. Es scheint uns, als habe dieses Menschengewühl ansder Piazza delle Erbe im Laufe der Zeiten nur allmählich Röcke undRedensarten gewechselt, und der Geist der Gesittung habe sich doriwenig verändert. Die Gebäude aber, die diesen Platz umgeben, mögennicht so leicht imstande gewesen sein mit der Zeit fortzuschreiten; dochschauen sie darum nicht minder anmutig, und ihr Anblick bewegt