40
Rciselnldcr II.
Kapitel xxm.
Die bunte Gewalt der neuen Erscheinungen bewegte uüch inTrieut nur dämmernd und ahnungsvoll, wie Märchenschauer; inVerona aber erfaßte sie mich wie ein mächtiger Fiebertraum vollheißer Farben, scharf bestimmter Formen, gespenstischer Trompetcn-klänge und fernen Waffengeräuschcs, Da war manch verwitterterPalast, der mich so stier ansah, als wollte er mir ein altes Ge-heimnis anvertrauen, und er scheute sich nur vor dem Gewühl derzudringlichen Tagesmcnschen, und bäte mich, zur Nachtzeit wieder zukommen. Jedoch trotz dem Gelärm des Volkes und trotz der wildenSonne, die ihr rotes Licht hineingoß, hat doch hie und da ein alterdunkler Turm mir ein bedeutendes Wort zugeworfen, hie und davernahm ich das Geflüster zerbrochener Bildsäulen, und als ich garüber eine kleine Treppe ging, die nach der Piazza de' Signori führte,da erzählten mir die Steine eine furchtbar blutige Geschichte, undich las an der Ecke die Worte: Koala, ^.inrna^ulsi.
Verona, die uralte, weltberühmte Stadt, gelegen auf beidenSeiten der Etsch, war immer gleichsam die erste Station für diegermanischen Wundervoller, die ihre kalt-nordischen Wälder verließenund über die Alpen stiegen, um sich im goldenen Sonnenschein deslieblichen Italiens zu erlustigen. Einige zogen weiter hinab, anderngefiel es schon gut genug am Orte selbst, und sie machten es sichheimatlich bequem, und zogen seidene Hausgewändcr au, und ergingensich friedlich unter Blumen und Cyprcssen, bis neue Ankömmlinge,die noch ihre frischen Eisenkleidcr anhatten, aus dem Norden kamenund sie verdrängten, — eine Geschichte, die sich oft wiederholte, undvon den Historikern die Völkerwanderung genannt wird. Wandeltman jetzt durch das Weichbild Veronas, so findet man überall dieabenteuerlichen Spuren jener Tage, sowie auch die Spuren derälteren und der späteren Zeiten. Au die Römer mahnt besondersdas Amphitheater und der Triumphbogen; an die Zeit des Thevdvrichs, des Dietrichs von Bern, von dem die Deutschen noch singenund sagen, erinnern die fabelhaften Reste so mancher byzantinischvorgotischen Bauwerke; tolle Trümmer erinnern au König Alboinund seine wütenden Langobarden; sagenreiche Denkmale mahnen anKarvlum Magnum, dessen Paladine an der Pforte des Doms ebensofränkisch roh gemeißelt sind, wie sie gewiß im Leben gewesen — eswill uns bedünken, als sei die Stadt eine große Völkerherberge, undgleichwie man in Wirtshäusern seinen Namen auf Wand und Fensterzu schreiben Pflegt, so habe dort jedeS Volk die Spuren seiner An-wesenheit zurückgelassen, freilich oft nicht in der leserlichsten Schrift,da mancher deutsche Stamm noch nicht schreiben konnte, und sichdamit behelfen mußte, zum Andenken etwas zu zertrümmern, welches