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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
Seite
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Reise von München nach Genua. 85

nicht vor seinem Tode zu Rossini bekehrt. Rossini, äivino maostro,Helios von Italien, der du deine klingenden Strahlen über die Weltverbreitest! verzeih meinen Landsleuten, die dich lästern, auf Schreib-papier und auf Löschpapier! Ich aber erfreue mich deiner goldenenTöne, deiner melodischen Lichter, deiner funkelnden Schmcttcrlings-trnnme, die mich so lieblich umgaukcln und mir das Herz küssen wiemit Lippen der Grazien! Oivino masstro, verzeih meinen armenLandSlentcn, die deine Tiefe nicht sehen, weil du sie mit Rosen bedeckst, und denen du nicht gedankenschwer und gründlich genug bist,weil du so leicht flatterst, so gottbeflügelt! — Freilich, um die heutigeitalienische Musik zu lieben und durch die Liebe zu verstehen, mußman das Volk selbst vor Augen haben, seinen Himmel, seinen Cha-rakter, seine Mienen, seine Leiden, seine Freuden, kurz seine ganzeGeschichte, von Romnlus, der das heilige römische Reich gestiftet,bis ans die neueste Zeit, wo es zu Grunde ging unter RomnlusAugnstnlnS II. Dem armen geknechteten Italien ist ja das Sprechenverboten, und es darf nur durch Musik die Gefühle seines HerzenSkundgeben. All sein Groll gegen fremde Herrschaft, seine Begeisterungfür die Freiheit, sein Wahnsinn über das Gefühl der Ohnmacht,seine Wehmut bei der Erinnerung an vergangene Herrlichkeit, dabeisein leises Hoffen, sein Lauschen, sein Lechzen nach Hilfe, alles diesesverkappt sich in jene Mclodiecn, die von grotesker Lebenstrnnkcnheitzu elegischer Weichheit herabgleitcn, und in jene Pantomimen, dievon schmeichelnden Karossen zu drohendem Ingrimm überschnappen.

DaS ist der esoterische Sinn der Opera Bnffa. Die exotcrischeSchildwachc, in deren Gegenwart sie gesungen und dargestellt wird,ahnt nimmermehr die Bedeutung dieser heiteren LiebcSgcschichten,Licbcsnötcn und Liebesneckereicn, worunter der Italiener seine töd-lichsten Befrciungsgedankcn verbirgt, wie Harmodins und Aristogitonihren Dolch verbargen in einem Kranze von Myrten. Das ist haltnärrisches Zeug, sagt die exvterischc Schildwache, und es ist gut, daßsie nichts merkt. Denn sonst würde der Impresario mitsamt derPrima Donna und dem Priino liomo bald jene Bretter betreten,die eine Festung bedeuten; eS würde eine UntersnchnngSkommissionniedergesetzt werden, alle staatSgefährliche Triller und revolutionär-rischc Koloraturen kämen zu Protokoll, man würde eine Menge Ar-lekinc, die in weiteren Verzweigungen verbrecherischer Umtriebe ver-wickelt sind, auch den Tartaglia, den Brighella, sogar den altenbedächtigen Pnntalon arretieren, dem Dottore von Bologna würdeman die Papiere versiegeln, er selbst würde sich in noch größerenVerdacht hincinschnattcrn, und Kvlnmbine müßte sich über diesesFnmitiennnglück die Augen rot weinen. Ich denke aber, daß solchesUnglück noch nicht über diese guten Leute hereinbrechen wird, indemdie italienischen Demagogen pfiffiger sind als die armen Deutschen,

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