Reise von München nach Genna. 33
du nicht? Sind vielleicht die alten deutschen Schmerzen, die kleinenSchlangen, die sich tief in dir verkrochen, jetzt mit nach Italien ge-kommen, und sie freuen sich jetzt, und eben ihr gemeinschaftlicherJubel erregt nun in der Brust jenes pittoreske Weh, das darin soseltsam sticht und hüpft und Pfeift? Und warum sollten sich diealten Schinerzen nicht auch einmal freuen? Hier in Italien ist esja so schön, das Leiden selbst ist hier so schön, in diesen gebrochenenMarmorpalazzos klingen die Seufzer viel romantischer als in unserennetten Ziegelhäuschen, unter jenen Lorbeerbäumen läßt sich vielwollüstiger weinen als unter unseren mürrisch zackigen Tannen, undnach den idealischen Wvlkenbilderu des himmelblauen Italiens läßtsich viel süßer hinaufschmachten als nach dem aschgrau deutschenWerkeltagshimmel, wo sogar die Wolken nur ehrliche Spießbiirger-fratzen schneiden und langweilig hcrabgähnen! Bleibt nur in meinerBrust, ihr Schmerzen! ihr findet nirgends ein besseres Unterkommen.Ihr seid mir lieb und wert, und keiner weiß euch besser zu hegenund zu pflegen als ich, und ich gestehe euch, ihr macht mir Vergnügen.Und überhaupt, was ist denn Vergnügen? Vergnügen ist nichts alsein höchst angenehmer Schmerz.
Ich glaube, die Musik, die, ohne daß ich darauf achtete, vor derBodega erklang, und einen Kreis von Zuschauern schon um sich ge-zogen, hatte melodramatisch diesen Monolog begleitet. Es war einwunderliches Trio, bestehend aus zwei Männern und einem jungenMädchen, das die Harfe spielte. Der eine von jenen beiden, winter-lich gekleidet in einen weißen Flausrock, war ein stämmiger Mannmit einem dickroten Banditengesicht, das aus den schwarzen Haupt-und Barthnarcn wie ein drohender Komet hervorbrannte, und zwi-schen den Beinen hielt er eine ungeheure Baßgeige, die er so wütendstrich, als habe er in den Abrnzzen einen armen Reisenden nieder-geworfen und wolle ihm geschwinde die Gurgel absiedeln; der anderewar ein langer, hagerer Greis, dessen morsche Gebeine in einem ab-gelebt schwarzen Anzüge schlotterten, und dessen schneeweiße Haaremit seinem Buffvgesang und seinen närrischen Kapriolen gar kläglichkontrastierten. Ist es schon betrübend, wenn ein alter Mann dieEhrfurcht, die man seinen Jahren schuldig ist, aus Not verkaufenund sich zur Possenreißer» hergeben mußk wie viel trübseliger ist esnoch, wenn er solches in Gegenwart oder gar in Gesellschaft seinesKindes thut! Und jenes Mädchen war die Tochter des alten Buffo,und sie accompagnierte mit der Harfe die unwürdigsten Spüße desgreisen Vaters, oder stellte auch die Harfe beiseite und sang mit ihmein komisches Duett, wo er einen verliebten alten Gecken und sie seinejunge neckische Amante vorstellte. Obendrein schien das Mädchenkaum aus den Kinderjahren getreten zu sein, ja eS schien, als habeman das Kind, ehe es noch zur Jungfräulichkeit gelangt war, gleichHeiue'S Werke. VI. Bd. 3