28 Reisebilder II.
Ich war wirklich wie im Traum, wie in einem Traume, woman sich auf irgend etwas besinnen will, was man ebenfalls einmalgeträumt hat. Ich betrachtete abwechselnd die Häuser und die Men-schen, und ich meinte fast, diese Häuser hätte ich einst in ihren besserenTagen gesehen, als ihre hübschen Malereien noch farbig glänzten,als die goldenen Zieraten an den Fensterfriesen noch nicht so ge-schwärzt waren, und als die marmorne Madonna, die das Kind ausdem Anne trägt, noch ihren wunderschönen Kopf aufhatte, den jetztdie bilderstürmende Zeit so pöbelhaft abgebrochen. Auch die Gesichterder alten Frauen schienen mir so bekannt, es kam mir vor, alswären sie herausgeschnitten aus jenen altitalienischen Gemälden, dieich einst als Knabe in der Düsseldorfer Galerie gesehen habe. Eben-falls die alten Männer schienen mir so längst-vergessen wohlbekannt,und sie schauten mich an mit ernsten Augen, wie ans der Tiefeeines Jahrtausends. Sogar die kecken jungen Mädchen hatten soetwas jahrtansendlich Verstorbenes und doch wieder blühend Auf-gelebtes, daß mich fast ein Grauen anwandelte, ein süßes Granen,wie ich es einst gefühlt, als ich in der einsamen Mitternacht meineLippen preßte ans die Lippen Marias, einer wunderschönen Frau,die damals gar keinen Fehler hatte, außer daß sie tot war. Dannaber mußt' ich wieder über mich selbst lächeln, und es wollte michbcdünken, als sei die ganze Stadt nichts anderes als eine hübscheNovelle, die ich einst einmal gelesen, ja, die ich selbst gedichtet, undich sei jetzt in mein eigenes Gedicht hineingezanbcrt worden, und er-schräke vor den Gebilden meiner eigenen Schöpfung. Vielleicht anch,dacht' ich, ist das Ganze wirklich nur ein Traum, und ich hätte herz-lich gern einen Thalcr für eine einzige Ohrfeige gegeben, bloß nindadurch zu erfahren, ob ich wachte oder schlief.
Wenig fehlte, und ich hätte diesen Artikel noch wohlfeiler ein-gehandelt, als ich an der Ecke des Marktes über die dicke Obstfrauhinstolpcrte. Sie begnügte sich aber damit, mir einige wirklicheFeigen an die Ohren zu werfen, und ich gewann dadurch die Über-zeugung, daß ich mich in der wirklichsten Wirklichkeit befand, mittenauf dem Marktplatz von Trient, neben dem großen Brunnen, ausdessen kupfernen Tritonen und Delphinen die sitberklaren Wasser garlieblich ermunternd emporsprangen. Links stand ein alter Palazzo,dessen Wände mit bunt allegorischen Figuren bemalt waren, und ansdessen Terrasse einige grau österreichische Soldaten zum Heldentumsabgerichtet wurden. Rechts stand ein golisch-lombardisch kapriziösesHänslein, in dessen Innerem eine süße flatterhafte Mädchenstimme sokeck und lustig trillerte, daß die verwitterten Mauern vor Vergnügenoder Baufälligkeit zitterten, während oben ans dem Spitzfenster eineschwarze, labyrinthisch gekräuselte, komödiantenhafte Frisur heranS-gnckte, worunter ein scharfgezeichnetes, dünnes Gesicht hervortrat, das