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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
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Neisc von München nach Genna. 27

folgenden Nacht. Dn saß sie wieder und lächelte, die Tauben flattertenhin" und her wie Licbesengel, auch die weiße Taube über ihremHaupte bewegte mystisch die Flügel, hinter ihr hoben sich immer ge-waltiger die behelmten Wächter, vor ihr hin jagte der Bach, immerstürmischer und milder, die Weinreben umrankten mit ängstlicher Hastdas gekreuzigte Hvlzbild, das sich schmerzlich regte und die leidendenAugen öffnete und auS den Wunden blutete — sie aber spann undlächelte, und an den Faden ihrcS Wockcns, gleich einer tanzendenSpindel, hing mein eigenes Herz.

Kapitel xiv.

Während die Sonne immer schöner und herrlicher aus demHimmel' hervorblühtc, und Berg nnd Burgen mit Gvldschleiernumkleidete, wurde es auch in meinem Herzen immer heißer undleuchtender, ich hatte wieder die ganze Brust voll Blumen, und diesesproßten hervor nnd wuchsen mir gewaltig über den Kopf, und durchdie eigenen Hcrzblumen hindurch lächelte wieder himmlisch die schöneSpinnerin. Befangen in solchen Träumen, selbst ein Traum, kamich nach Italien, nnd da ich während der Reise schon ziemlich ver-gessen hatte, daß ich dorthin reiste, so erschrak ich fast, als mich alldie großen italienischen Augen ansahen, und das buntvcrwirrteitalienische Leben mir leibhaftig, heiß und summend entgegenströmte.

Es geschah dieses aber in der Stadt Trient, wo ich an einemschönen. Sonntag des Nachmittags ankam, zur Zeit, wo die Hitze sichlegt nnd die Italiener aufstehen und in den Straßen auf und abspazieren. Diese Stadt liegt alt und gebrochen, in einem weitenKreise von blühend grünen Bergen, die wie ewig junge Götter aufdas morsche Menschenwerk herabsehen. Gebrochen und morsch liegtdaneben auch die hohe Burg, die einst die Stadt beherrscht, ein abentenerlicher Bau ans abenteuerlicher Zeit, mit Spitzen, Vorsprüngen,Zinnen und mit einem breitrnnden Turm, worin nur noch Eulennnd österreichische Invaliden Hansen. Auch die Stadt selbst ist aben-teuerlich gebaut, nnd wundersam, wird einem zu Sinn beim erstenAnblick dieser nraltcrtümlichcn Hänser mit ihren verblichenen FreskoS,mit ihren zerbröckelten Heiligenbildern, mit ihren Türmchen, Erkern,Gittcrfcnsterchen nnd jenen hervorstehenden Giebeln, die estradenartigauf grauen, alterschwnchcn Pfeilern ruhen, welche selbst einer Stützebedürften. Solcher Anblick wäre allzu wehmütig, wenn nicht dieNatur diese abgestorbenen Steine mit neuem Leben erfrischte, wennnicht süße Weinreben jene gebrechlichen Pfeiler, wie die Jugend dasAlter, innig nnd zärtlich umrankten, nnd wenn nicht noch süßereMädchcngesichter auS jenen trüben Bogenfenstern hervorguckten, undüber den deutschen Fremdling lächelten, der wie ein schlafwandelnderTräumer durch die blühenden Ruinen einherschwankl.