Druckschrift 
6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
Seite
26
Einzelbild herunterladen
 

2g Rcisebiiber II.

aber dafür zwei junge Tvchterlcin hat, die einem das Herz, wennes ausgestiegen ist, dnrch ihren Anblick recht wohlthätig erwärmen.Aber dich darf ich nicht vergessen, du schönste von allen, du schöneSpinnerin an den Marken Italiens! O hättest du mir, wie Ariadncdem Thescus, den Faden deines Gespinstes gegeben, um mich zuleiten durch das Labyrinth dieses Lebens, jetzt wäre der Minotanrosschon besiegt, und ich würde dich lieben und küssen und niemals verlassen!

Es ist ein gutes Zeichen, wenn die Weiber lächeln, sagt einchinesischer Schriftsteller, und ein deutscher Schriftsteller war ebendieser Meinung, als er in Südiirvl, wo Italien beginnt, an einemBerge vorbeikam, an dessen Fuße auf einem nicht sehr hohen stein-dämm eines von jenen Häuschen stand, die mit ihrer traulichenGalerie und ihren naiven Malereien uns so lieblich ansehen. Ansder einen Seite stand ein großes hölzernes Kruzifix, das einemjungen Wcinstvck als Stütze diente, so daß es fast schaurig heiteraussah, wie das Leben den Tod, die saftig grünen Reben den blu-tigen Leib und die gekreuzigten Arme und Beine des Heilands umrankten. Auf der andern Seite des Häuschens stand ein runderTaubenkvfen, dessen gefiedertes Völkchen flog hin und her, und eineganz besonders anmutig weiße Taube saß auf dem hübschen Spitzdächlein, daS wie die fromme Steinkrvnc einer Heiligennische überdem Haupte der schönen Spinnerin hervorragte. Diese saß ans derkleinen Galerie und spann, nicht nach der deutschen Spinnradmethode,sondern nach jener uralten Weise, wo ein flachSumzogencr Wockenunter dem Arme gehalten wird, und der abgesponnene Faden ander freihängenden Spindel hinunterläuft. So spauneu die Königstöchter in Griechenland, so spinnen noch jetzt die Parzen und alleItalienerinnen. Sie spann und lächelte, unbeweglich saß die Taubeüber ihrem Haupte, und über dem Hause selbst ragten hinten diehohen Berge, deren Schneegipfel die Sonne beschien, daß sie aus-sahen wie eine ernste Schntzwache von Riesen mit blanken Helmenauf den Häuptern.

Sie spann und lächelte, und ich glaube, sie hat mein Herz fcst-gespvnnen, während der Wagen etwas langsamer vorbeifuhr wegendes breiten Stromes der Eisach, die auf der andern Seite des Wegsdahinschoß. Die lieben Züge kamen mir den ganzen Tag nicht ausdem Gedächtnis, überall sah ich jenes holde Antlitz, das ein griechischerBildhauer aus dem Dufte einer weißen Rose geformt zu haben schien,ganz so hingehaucht zart, so übcrsclig edel, wie er es vielleicht einstals Jüngling geträumt in einer blühenden FrühlingSnacht. DieAugen freilich hätte kein Grieche erträumen und noch weniger be-greifen können. Ich aber sah sie und begriff sie, diese romantischenSterne, die so zauberhaft die antike Herrlichkeit beleuchteten. Denganzen Tag sah ich diese Augen, und ich träumte davon in der